8. August 2020

Der Bruder des Wolfs von Robin Hobb

Robin Hobb: Der Bruder des Wolfs, Broschierte Ausgabe, Penhaligon, 2017

Schwer angeschlagen und gebeutelt von den Nachwirkungen seiner Vergiftung, kehrt Fitz Chivalric mit Burrich nach Bocksburg zurück. Doch der niederträchtige Prinz Edel lässt nichts unversucht seine eigene Position am Hof der Sechs Provinzen weiter zu stärken. Schon bald findet sich Fitz in einem dicht gesponnenen Netz von Intrigen, die nicht nur sein eigenes Leben bedrohen, sondern auch das Leben derer, die ihm nahe stehen und die er geschworen hat zu beschützen. Währenddessen setzen die grausamen Roten Korsaren ihre Raubzüge an den Küsten der Sechs Provinzen fort.

Nur unter Aufwand aller Kräfte ist es Fitz, Prinz Veritas und seinen Getreuen möglich, größeres Leid und Entfremdung von den verängstigten Menschen fernzuhalten, während der alte König Listenreich, von einer schweren Krankheit gebeutelt, immer mehr dahinsiecht und die Kontrolle über die Geschehnisse verliert.

Titel: Der Bruder des Wolfs (Royal Assassin) Autorin: Robin Hobb Verlag: Penhaligon (Harper Collins) Reihe: Die Chronik der Weitseher (The Farseer) #2 Seitenzahl: 896 Genre: Fantasy Alter: 14+ Erste Aufl.: Mai 1996 (Bastei Lübbe) (1996) Ausgaben: Taschenbuch, E-Book, Hörbuch ISBN: 978-0007562268 (Engl. TB) 978-3764531843 (TB) Sonstiges: Karte der Sechs Provinzen Vorgängerband: Die Gabe der Könige Folgeband: Der Erbe der Schatten

Über das Buch Der Bruder des Wolfs

Des Königs Meuchelmörder (alter Titel), jetzt: Der Bruder des Wolfs
Dt. Taschenbuchausgabe von 1996 (Bastei Lübbe)

Die englische Originalausgabe des Buches erschien bereits 1996 unter dem Titel Royal Assassin und ist die Fortsetzung der ersten Weitseher-Trilogie von Fantasyautorin Robin Hobb (*1952). Das Buch wurde zügig ins Deutsche übersetzt und erschien im gleichen Jahr zunächst unter dem Titel Des Königs Meuchelmörder bei Bastei-Lübbe (Bild rechts). 2009 veröffentlichte Heyne unter dem Titel Der Schattenbote eine Neuauflage, doch weder Cover noch Titel haben einen Zusammenhang mit dem Inhalt. Seit 2017 wird das Buch bei Penhaligon unter dem Titel Der Bruder des Wolfs verlegt, der wieder besser zur Handlung passt.

Von allen deutschen Ausgaben des Buches ist die Erstausagbe von Bastei Lübbe (rechts) die schönste. Nicht nur passt der Titel des Buches zum Inhalt, auch das Cover ist ansprechend gestaltet. Es zeigt Fitz Chivalric zusammen mit seinem Wolf Nachtauge in dramatischer Pose. Gänzlich nichtssagend sind dagegen Titel und Cover der 2009 erschienenen Ausgabe (Der Schattenbote) von Heyne.

Das Buch ist der zweite Teil der inzwischen schon fast legendären ersten Weitseher-Trilogie (engl.: Farseer Trilogy). Zwei weitere Trilogien um Fitz sollten im Laufe der Jahre folgen. Weitere Informationen zu den Trilogien und den verschiedenen Ausgaben der Bücher findet ihr im Autorenporträt von Robin Hobb.

Meine Meinung zu Der Bruder des Wolfs

Seit Jahren freute ich mich darauf, diese Trilogie von Robin Hobb erneut zu lesen. Es sind Bücher, die mich damals wie heute begeistern können und je tiefer man in deren Handlung eintaucht, umso weniger kann man die Bücher beiseitelegen. Ich könnte sie immer wieder lesen.

Die Handlung gewinnt an Emotionen und Dramatik

Nachdem sich die Geschichte in Die Gabe der Könige langsam aber stetig entwickelte, legt Robin Hobb in diesem zweiten Buch der ersten Trilogie noch einiges obendrauf. Der erste Teil war geprägt von Fitz Chivalrics Ausbildung zum Assassinen und seinen Beziehungen zu vielen ihm wichtigen Menschen am Königshof von Bocksburg. Inzwischen ist er jedoch älter geworden, ein jugendlicher Assassine, der im Dienste seines Königs steht und tötet. Der Großteil der Handlung des zweiten Buches spielt ebenfalls am und um den Königshof und sie ist weniger blutig und kampflastig, als man es zunächst vermuten mag. Die ausführliche Beschreibung von Kämpfen liegt nicht im Fokus von Robin Hobb. Vielmehr bestreitet ihr Protagonist Fitz seine Kämpfe innerlich mit seinem Gewissen. Die Erzählperspektive ist die von Fitz und er beschreibt ausführlich seine Gefühle und wie er die Personen und die Welt um sich empfindet. Keine andere Perspektive lässt eine größere Nähe zu einem Charakter im Buch zu und Robin Hobb versteht es meisterlich dies zu nutzen. Fitz ist nicht allwissend. Er hat Fähigkeiten und Fertigkeiten, er erlebt und träumt, er vermutet und plant und lässt sich dabei von seinen Gefühlen leiten. Fitz kennt zwar seinen größten Feind Prinz Edel, doch ihm sind als Bastard in vielerlei Hinsicht die Hände gebunden, um sich wirksam gegen Edels Intrigen und die damit verbundenen Gefahren zur Wehr zu setzen. Das allein und Edels Niederträchtigkeit brachte bei mir das Blut in Wallung, denn Robin Hobb versteht es vortrefflich ihre Leserinnen und Leser emotional zu berühren.

Die Spannung in der Handlung entsteht einerseits durch Fitz‘ inneren Kampf mit sich selbst, zum Beispiel, wenn es um seine Beziehung zu Molly geht, aber auch durch äußere Einflüsse, wie die Raubzüge der Roten Korsaren und die Entfremdeten, die von ihnen zurückgelassen werden oder der auch schleichende Verfall von König Listenreich im Krankenbett, den offenbar kein Heilmittel aufzuhalten vermag. Der Leser sieht durch die Augen von Fitz die Probleme, doch er ist ebenso hilflos, wie Fitz Chivalric selbst sich fühlt und man kann insgesamt nur hoffen, dass am Ende irgendwie alles gut ausgehen wird.

Die Charaktere bestimmen den Spannungsbogen

Royal Assassin (Illustriert), die englische Ausgabe von "Der Bruder des Wolfs"
Illustrierte Jubiläumsausgabe von „Royal Assassin“ von Del Rey

In vielen Fantasyromanen werden blutige Schlachten geschlagen und Kämpfe gegen offenkundige Widersacher werden mit Strategie, Waffen und Magie geführt, um die Spannung zu steigern. Robin Hobb verzichtet fast völlig auf Schlachten und brutale Kämpfe. Die wenigen körperlichen Auseinandersetzungen werden mit auffallend wenigen Details beschrieben. Vielmehr sind es die innerlichen Kämpfe gegen das eigene Verlangen und Gewissen, die Robin Hobbs Protagonist Fitz immer wieder ausfechten muss und die nachhaltig für Spannung sorgen. Fitz ist innerlich zerrissen und er kann nicht so handeln, wie er es immer gerne tun würde. Er spürt immer wieder, dass ihm und den Menschen, die ihm nahe stehen Gefahr droht, doch ihm sind in vielerlei Hinsicht die Hände gebunden. Sein Treueeid gegenüber König Listenreich und Prinz Veritas macht ihn einerseits abhängig von deren Entscheidungen. Andererseits verlangt aber seine innige Liebe zu Molly und seine Verbundenheit zu den Menschen, die ihm nahe stehen, sich den Bedrohungen offen entgegenzustellen und nach seinem Gewissen zu handeln. Diese widerstreitenden Gefühle ziehen sich durch den ganzen Roman und steigern beständig die Spannung für die Leser. Gerne möchte man wissen, wie Fitz es schafft, die Probleme zu lösen und wie sich die Handlung weiter entwickeln wird.

Robin Hobb hat für diese Bücher eine Vielzahl von interessanten Charakteren erschaffen und sie alle sind irgendwie mit Fitz verbunden. Sei es Burrich, sein Ziehvater und Strallmeister von Bocksburg, Prinzessin Philia und Kronprinzessin Kettricken, sein Lehrmeister Chade, seine geliebte Molly oder auch der geheimnisumwobene Narr — alle nehmen Einfluss auf sein Leben und sie alle sind ihm lieb und teuer.

Kronprinzessin Kettricken entwickelt sich im Buch zu einer interessanten Persönlichkeit, mehr allerdings noch der Narr, der mir in der Geschichte besonders gut gefallen hat. Er ist im Buch wohl der Charakter mit den meisten Geheimnissen und seine oft sehr orakelhaften Aussagen, die nur auf den ersten Blick verworren und unwichtig erscheinen, lassen den Lesern viel Spielraum für eigene Gedanken und Vermutungen. Es bleibt abzuwarten, was aus ihm in den folgenden Büchern noch wird und wie sich seine vagen Weissagungen in die Handlung einfügen werden.

Immer mehr nehmen die geheimnisvolle Gabe der Weitseher und auch die verrufene alte Macht einen höheren Stellenwert ein. Gleichzeitig sind dies die einzigen Elemente, die aus Hobbs Büchern schließlich Fantasyromane machen. Zusammen mit Fitz Chivalrics neuem Begleiter Nachtauge tragen sie einen guten Teil zur Spannung bei.

Seine enge Freundschaft zu Nachtauge muss Fitz vor allen Menschen geheim halten, um nicht sich selbst oder seinen Wolf zu gefährden. Zu groß ist die Gefahr für ihn alles zu verlieren und das sich die Menschen von ihm abwenden werden. Er hütet seine Geheimnisse und kann durch sie oft nicht so handeln, wie er eigentlich möchte. Dadurch wird er zum tragischen Helden, der von den Ereignissen gebeutelt wird, wie ein steuerloses Schiff im Sturm. Das hat mir gut gefallen, weil es Fitz verletzlich macht und er dadurch nicht zum Überhelden wird.

Der Schluss ist mehr als überraschend

Was mir vor allem gut gefallen hat, ist der Schluss. Auf den letzten einhundert Seiten des Buches klärt sich so vieles, dass man als Leser kaum dazu kommt Luft zu holen. Gleichzeitig entwickelte Robin Hobb ein Ende, das man in dieser Form in keinster Weise hätte vorhersehen können, welches aber einem Fantasyroman vollkommen gerecht wird und in meinen Augen kaum besser hätte sein können. Überflüssig zu sagen, dass idealerweise der dritte Band der Trilogie in Reichweite liegen sollte, um die Geschichte nahtlos fortsetzen zu können.

Mein Fazit zu Der Bruder des Wolfs

5 von 5 Sterne „Ein tolles Buch!“

Mit Der Bruder des Wolfs konnte die Autorin Robin Hobb die spannende Geschichte um Fitz Chivalric Weitseher um weitere interessante Aspekte ausbauen und die Spannung weiter steigern. Die Handlung wird bestimmt von zwischenmenschlichen Spannungen und Intrigen, sowie zahlreichen verdeckt ausgefochtenen Kämpfen, ohne viel Blut und Gewalt, aber mit einer gehörigen Portion Raffinesse und Arglist. Die Perspektive aus der Sicht von Fitz erlaubt einen uneingeschränkten Einblick in seine Gefühle und Gedankengänge und macht ihn zu einem der vielschichtigsten Protagonisten des Genres. Robin Hobbs Buch hat es geschafft mich emotional zu berühren, so stark fühlte ich mich beim Lesen mit Fitz verbunden. Dass es nicht nur mir so geht, zeigen die zahlreichen positiven Kritiken, denen ich diese hier nun auch noch hinzufügen möchte.

Jay

Covergalerie zu Der Bruder des Wolfs

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

%d Bloggern gefällt das: