Lesen gefährdet die Dummheit!

„Lesen gefährdet die Dummheit,“ steht bei meinem Chef an der Wand. Naja, nicht direkt an der Wand, aber der Spruch hängt dort, nicht allzu groß, eingerahmt zwischen zwei Fenstern und zieht die Blicke der Gäste auf sich. Mein Chef ist Deutschlehrer und ein großer Verfechter des zusätzlichen Lesens an der Schule. Im Zeitalter der Digitalisierung ist das mit dem engagierten Lesen allerdings so eine Sache und die Erfahrung zeigt, dass vor allem Kinder und Jugendliche viel weniger lesen, als noch vor 20 Jahren oder früher. Die Ablenkung durch andere Aktivitäten hat das Lesen als Freizeitbeschäftigung sicherlich einige Plätze nach hinten verbannt. Handys und Spielkonsolen, Computer und Tablets haben offenbar das Buch in den Händen der Jüngeren stark verdrängt. Gleichzeitig macht sich immer mehr eine Leseinkompetenz bemerkbar, mit Folgen für die Zukunft der Kinder. Es heißt ja, Lesen bildet und wer nicht liest bleibt dumm. Ist das tatsächlich so?

Vieles kann man heute (vielleicht) aus den Medien lernen. Man schaut (Lern-)Videos bei YouTube oder Reportagen im Fernsehen oder man lässt sich von Eltern und Lehrern die Welt erklären und meint, man wäre umfassend informiert. Im Schulalltag zeigt es sich dann, wie es um das Allgemeinwissen der Schülerinnen und Schüler bestellt ist. Es ist schon erschreckend, wie wenig die jungen Menschen von der Welt um sich herum mitbekommen. OK, in dem Alter war ich auch nicht sonderlich an der Tagespolitik interessiert, aber man verfolgte hin und wieder die Nachrichten im Radio und hat auch mal eine Zeitung aufgeschlagen, um mehr als nur den Sportteil und die Witze-Seite zu lesen.
Lesekompetenz gehörte damals wie heute zum Wichtigsten, was Schule vermitteln muss, doch ohne Übung wird man hier über das Basisniveau auch nicht hinaus kommen. Wenn man nun manche Neuntklässer lesen hört, dann könnte man sich, indem man einfach die Augen schließt und den Stimmbruch außer Acht lässt, glatt als Grundschullehrer fühlen, so stockend hört sich das an. Doch wenn Kinder und Jugendliche nicht lesen und sich mit Texten beschäftigen, wo und wie sollen sie sich später einmal eigenständig Wissen aneignen, wenn es einmal kein YouTube-Video gibt und niemanden, den man fragen kann? Der Lehrplan spricht vom Begriff Lesekompetenz, welche die Schülerinnen und Schüler erwerben sollen, doch dazu gehört nicht nur das flüssige Lesen, sondern auch den Inhalt zu verstehen und Rückschlüsse daraus zu ziehen, das sogenannte sinnerfassende Lesen. In Mathematik scheitern Schüler inzwischen schon an einfachen Textaufgaben, weil der Inhalt von fünf Zeilen Text nicht verstanden wird. Da braucht es dann wieder einen Lehrer, der die Aufgabe erklärt, weil auch die Bereitschaft sich mit dem Text zu befassen und sich hineinzudenken nachlässt. In Prüfungen werden Arbeitsanweisungen nicht verstanden, die eindeutig sind. Von der korrekten Sprache in der Rechtschreibung mal gar nicht zu reden. Zum Glück bin ich kein Deutschlehrer, denke ich mir da manchmal allen Ernstes. Wenn man das als Lehrer täglich mitbekommt, dann können schon Zweifel aufkommen, ob die Jungen und Mädchen jemals durch die Abschlussprüfung kommen (irgendwie klappt es dann aber doch).

Wer viel liest kann Wissen ansammeln, mehr Wissen, als ein Lehrer in der Schule jemals vermitteln kann. Wer nicht liest… bleibt dumm. Verfolgt man die Politik unserer Regierung und die Nachrichten in den öffentlich-rechtlichen Medien, dann dürfen wir uns gut informiert fühlen. Allerdings ist das alles nur Schein. Nur wer kritisch hinterfragt und sich Informationen auch aus anderen Quellen beschaffen kann, kann sich selbst ein neutrales Bild von den Dingen machen, die uns bewegen und sich daraus eine eigene Meinung bilden. Meiner Empfindung nach sind unsere öffentlich-rechtlichen Medien lange nicht mehr völlig frei und unabhängig, da viele ihrer Journalisten und Nachrichtensprecher am Tropf der GEZ hängen und allzu gerne nur das berichten, was als politisch korrekt angesehen wird. Freie Medien sollten jedoch weitestgehend neutral sein und den Menschen verschiedene Aspekte einer Problematik aufzeigen, damit diese sich ein eigenes Bild machen und sich eine eigene Meinung bilden können. Leider passiert das nach meiner Empfindung oft nicht mehr, denn unsere Medienvertreter sind zum Verfechter der Meinung geworden, die sie selbst für richtig halten. Kritische Stimmen werden ignoriert. Inzwischen haben sich im Internet jedoch einige freie Onlinemagazine und Blogs etabliert, die den lesenden Interessierten differenzierte Sichtweisen aufzeigen. Voraussetzung ist natürlich, dass man die Texte lesen will, sie inhaltlich versteht und unbedingt auch kritisch bewertet. Eine Mangel an Lesekompetenz beziehungsweise der mangelnde Wille sich selbst zu informieren kann daher für eine Demokratie, die von der Diskussion vieler Meinungen lebt, nur schlecht sein. Demnach gefährdet das Lesen nicht nur die Dummheit, sondern auch all jene Regierungen, die auf die Dummheit des Volkes bauen. Nicht umsonst werden in verschiedenen Ländern der Erde immer wieder regierungskritische Journalisten verfolgt und eingesperrt. Zu sehr fürchtet man, das Volk könnte eine andere Meinung als die eigene für gut befinden. Zur Diktatur ist es dann nicht mehr weit.

Lesen gefährdet die Dummheit. Genauer betrachtet heißt das, dass man durch Lesen nicht zwingend schlauer werden muss, denn es gibt ja auch jede Menge Literatur ohne jeglichen Nutzen für tiefere Erkenntnisse. Dennoch kann jede Art des Lesens den Geist anregen und Interesse wecken sich weiter zu informieren. Und genau darum geht es, nämlich das Schauen über den eigenen Tellerrand. Nachzufragen, wenn man Dinge verstehen möchte. Und selbst wenn man nur aus Spaß an der Freude liest, um den tristen Alltag einmal zu vergessen, dann ist auch schon etwas gewonnen.
In diesem Sinne, nehmt euch die Zeit.

Jay

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