3. August 2021

Wild Card von Nina Casement

Nina Casement: Wild Card

Die Erde in naher Zukunft ändert sich im wahrsten Sinne des Wortes schlagartig, als ein gewaltiger Meteorit mit Namen „Krishna“ in den Pazifischen Ozean einschlägt, schwerste Verwüstungen anrichtet und fast die gesamte Menschheit auslöscht. Die wenigen Überlebenden suchen in den Trümmern der alten Welt Nahrung und Schutz und sind auf der Flucht vor einer beginnenden neuen Eiszeit. Zu ihnen gehört auch die 26-jährige Kore, die sich durch das Trümmerfeld der alten Welt auf die Suche nach einer Zukunft macht und nach Menschen, mit denen sie diese Zukunft erleben kann. Auf ihrer gefährlichen Reise über zwei Kontinente trauert sie nicht nur um ihre verlorene Vergangenheit, sondern findet auch Hoffnung in den Dingen und Menschen, denen sie begegnet. (Wild Card)

Titel: Wild Card Autorin: Nina Casement Verlag: Books on Demand Reihe:Seitenzahl: 384 Genre: Dystopie Alter: 16+ Erste Aufl.: 25. Oktober 2020 Ausgaben: Taschenbuch, E-Book ISBN: 978-3752625226 (TB) Sonstiges:

Meine Meinung zu Wild Card

Als mich Nina Casement zunächst während meiner Bloggerpause im Herbst 2020 und dann nochmals im Februar 2021 anschrieb und mich fragte, ob ich gerne ihren postapokalyptischen Roadtrip mit dem Titel Wild Card lesen und rezensieren würde, fiel mir die Zusage nicht schwer. Wie bereits öfter hier im Blog erwähnt, liebe ich Dystopien. Viele sind jedoch oft nicht sonderlich gut umgesetzt, weil es die Autoren nicht schaffen die bedrückend-triste Atmosphäre zu beschreiben und zu entwickeln, die für mich vor allem bei post-apokalyptischen Romanen nötig ist.

Atmosphärisch stark, gesellschaftskritisch und zum Nachdenken

Wild Card von Nina Casement konnte mich von den ersten Seiten an begeistern. Der Schreibstil ist angenehm zu lesen und es fiel mir auch nicht schwer in die Handlung zu kommen. Anfangs wechselt die Autorin noch zwischen den Ereignissen in der Vergangenheit, in denen sie beschreibt, wie es zu der großen Katastrophe kam, und der Gegenwart mit dem Fokus auf Kores Kampf ums Überleben. Gerade die Rückblicke auf die Ereignisse vor dem Einschlag des Meteoriten „Krishna“ geben dem Leser einen interessanten und durchaus glaubhaften Einblick in das Verhalten von Politik, Medien und Gesellschaft in Krisenfällen. Da geht es um die Unterdrückung und das Schönreden von Fakten, um Desinformation und Abwiegelung, um Verfolgung kritischer Stimmen und um Machterhalt fernab der Wahrheit. Allein dieser Teil des Buches gibt einem so manche Denkanstöße und es lässt sich nicht leugnen, dass dahinter häufig ein Quäntchen Wahrheit steckt. Überhaupt merkt man beim Lesen, dass sich Nina Casement mit gesellschaftlichen Fragen kritisch beschäftigt hat und immer wieder auch mit dem Zeigefinger auf die Verfehlungen unserer Gesellschaft zeigt, sei es im bereits angesprochenen Verhalten im Angesicht einer drohenden Katastrophe, ebenso wie die rücksichtslose Ausbeutung unseres Planeten oder die weltweite Manipulation der Menschen durch Großkonzerne, Politiker und Medien. Wenn man sich gedanklich etwas intensiver mit diesen Ausführungen beschäftigt, könnte man vielleicht sogar zu dem Schluss kommen, dass der Meteorit eigentlich gerade recht kommt…

Der Wechsel zwischen Vorgeschichte und Gegenwart wird im Laufe des Buches dann eingestellt und der Fokus liegt nur noch auf Kore und ihrem täglichen Kampf ums Überleben. Recht gut hat mir gefallen, wie Nina Casement die alte und die neue Welt beschreibt. Das ist wichtig, möchte man richtig eintauchen in die Welt, die nicht mehr so ist, wie sie einmal war. Vieles ist zerstört durch den gewaltigen Einschlag von Krishna und in Kores Gedanken wird deutlich, dass nun manche Dinge, die vormals in ihrem Leben wichtig waren, für sie inzwischen an Bedeutung verloren haben. Andere Dinge hingegen, die man früher als selbstverständlich erachtete, nun aber regelrecht erkämpft werden müssen: Nahrungsmittel, frisches Wasser, eine Dusche und frische Kleidung, ein Unterschlupf, Gespräche mit anderen Überlebenden und vieles mehr. Vormals oft unproblematische Ereignisse können in einer zerstörten Welt plötzlich Lebensbedrohlich sein, zum Beispiel ein verstauchter Knöchel im Gebirge, wenn dann langsam die Nahrung knapp wird.

Die Autorin hat viele interessante Aspekte in Wild Card zusammengeführt und schafft es über fast 400 Seiten hinweg die Spannung hochzuhalten, wobei gewaltsame Auseinandersetzungen kaum eine Rolle spielen (was auch nicht nötig ist). Im Fokus steht die Auseinandersetzung der Protagonistin mit sich selbst und ihren eigenen Gefühlen, mit dem Schmerz des Verlustes ihres früheren Lebens und der Menschen, die ihr nahestehen und natürlich die Auseinandersetzung mit den neuen Gegebenheiten ihrer Umwelt und der tägliche Kampf ums Überleben. Das alleine genügt, wenn es ansprechend geschrieben und mit den richtigen Worten beschrieben ist, wie im Fall von Wild Card, um die Spannungskurve auf einem hohen Niveau zu halten. Das hat mich schon bei Cormac McCarthys The Road so fasziniert.

Wenige, aber starke Protagonisten

Das Buch kommt mit wenigen Protagonisten aus (muss es auch, denn die Menschheit hat sich zu großen Teilen unfreiwillig verabschiedet). Im Zentrum der Handlung steht Kore, die sich durch die Welt schlägt, und immer wieder auch Menschen, denen sie auf ihrem Weg nach Süden begegnet. Begleitet wird Kore auf ihrer ganzen Reise von Chloe, einem Mädchen, das mit ihr spricht, das aber in Wirklichkeit nicht körperlich anwesend ist. Später kommt noch eine weitere Weggefährtin hinzu, für die Kore die Verantwortung übernimmt. Mehr will ich dazu aber nicht verraten. Insgesamt hat mir Kore als Protagonistin recht gut gefallen. Nina Casement schafft es mit ihr eine vielschichtige Charakterin zu entwickeln, die einem schnell ans Herz wächst und die durchaus glaubhaft agiert. Nicht zuletzt durch die wichtigen Einblicke in Kores Gefühlswelt und ihre Taten wird sie als Hauptperson greifbar und gibt dem Roman zusätzliche Dynamik mit auf den Weg. Kore ist eine sehr willensstarke junge Frau, die mit Voraussicht versucht allgegenwärtige Gefahren zu umgehen und dabei noch auf ihre Gefährten achtet.

Als Kore schließlich, etwa in der Mitte des Buches, an ihrem Ziel ankommt, scheint sie es geschafft zu haben. Was sie dort zunächst findet, ist auch durchaus eine Zukunftsperspektive. Allerdings gibt es ihr ihrer neuen Gemeinschaft eine bestimmte Regel, mit der sie nicht klarkommt, was sie schließlich dazu bewegt ihre gefährliche Reise fortzusetzen. Ich habe ehrlicherweise nicht ganz verstanden, warum Kore damit ein so großes Problem hat, aber ich bin auch keine Frau. Sich dennoch erneut auf die Reise zu begeben, die noch dazu weitaus gefährlicher wird, als alles, was sie bis dahin erlebt hat, zeugt von sehr großer Willensstärke. Ich glaube, ich hätte an ihrer Stelle wohl in den sauren Apfel gebissen und wäre geblieben. Interessant fand ich in diesem Zusammenhang, dass sie zum Ende des Buches in einer ähnlichen Situation ist, die sie eigentlich nicht wollte und damit gut klarkommt. So sehr kann eine lange, gefährliche Reise den Charakter eines Menschen beeinflussen.

Der Schluss ist gut geworden, sehr gut sogar

Nicht immer haben Dystopien ein Happy End, diesmal schon. Doch egal wie die Geschichte in Wild Card ausgegangen wäre, es wäre immer ein ansprechender, spannender Roman geblieben, wie ich finde. Es ist ein „Roadtrip“ und der wurde von der Autorin fantastisch gut beschrieben. Ich verrate zum Schluss nicht mehr, nur dass er von Hoffnung getragen wird und Kore ihr vergangenes Leben hinterfragt. Braucht es wirklich so viel, um glücklich zu sein?

Tatsächlich hätte sie nicht behaupten können, damals näher an einem Zustand der Zufriedenheit gewesen zu sein als heute. Sicherer vielleicht, auf eine Art. Aber nicht einfacher, entspannter, sozialer oder gemeinschaftlicher, wie die Medien zu proklamieren nie müde geworden waren.

Nina Casement: Wild Card, Epilog

Mein Fazit zu Wild Card

5 von 5 Sterne „Überzeugend gut!“

Wild Card von Nina Casement gehört zu den dystopischen Romanen, die mich seit langen wieder richtig begeistern und fesseln konnten. Durchdachte Charaktere und ein interessanter dystopischer Rahmen machen das Buch zu einem wirklich gelungenen Roadtrip über zwei Kontinente. Ein Geheimtipp für alle Leserinnen und Leser, denen schon Cormac McCarthys The Road gefallen hat und denen Spannung durch Atmosphäre wichtiger ist, als Gewalt und Gemetzel. Lesenswert!

Ich möchte mich an dieser Stelle recht herzlich bei Nina Casement für das Rezensionsexemplar bedanken.

Jay

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