20. Oktober 2021

Könige der Finsternis von Nicholas Eames

Eigentlich hatte sich ja der ehemalige Söldner Clay Cooper halbwegs zur Ruhe gesetzt und führt nun ein beschauliches Leben mit seiner Familie als Stadtwächter in einem kleinen Ort. Als jedoch eines Abends sein alter Freund und Kumpan Gabriel vor seiner Tür auf ihn wartet und ihn verzweifelt um Hilfe bittet, wagt sich Clay abermals in eines dieser gefährlichen Abenteuer, die er eigentlich hinter sich lassen wollte. Zusammen mit Gabriel trommeln sie ihre inzwischen schon etwas ergrauten Weggefährten zusammen, um mit dieser schon legendären Söldnertruppe eine nahezu unlösbare Aufgabe zu bewältigen.

Doch können die fünf alten Haudegen, über die unzählige Barden in den Tavernen des Landes bereits unglaubliche Lieder singen, wirklich gegen einen Feind bestehen, der schon ganze Armeen in die Flucht schlagen konnte? Sie wären keine Legenden, würden sie es nicht zumindest versuchen…

Titel: Könige der Finsternis (Kings of the Wyld) Autor: Nicholas Eames Verlag: Heyne (Orbit) Reihe: The Band, #1 Seitenzahl: 640 (528) Genre: Fantasy Alter: 16+ Erste Aufl.: 11. Februar 2019 (23.02.2017) Ausgaben: Hardcover (ENG), Taschenbuch, E-Book, Hörbuch ISBN: 978-3453318878 (TB) Folgeband: Die schwarze Schar (The Band, #2) Sonstiges: ausführliche Landkarte

Über den Autor von Könige der Finsternis

Nicholas Eames, Autor von "Könige der Finsternis" (Kings of the Wyld).
Foto: Nicholas Eames

Nicholas Eames wurde am 19. Oktober in Wingham, Ontario (Kanada) geboren. Zunächst besuchte er ein College und studierte dort Theaterkunst, jedoch sagte ihm das nicht so zu, weshalb er es wieder aufgab, um sich mehr der Schriftstellerei zu widmen und Fantasybücher zu schreiben. Kings of the Wyld (Könige der Finsternis) ist sein Debütroman, der bereits im Februar 2017 erschien und international große Anerkennung fand. Das Buch wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet, darunter den Gemmell Award von 2018 für das beste Debüt. Auch viele Autorenkollegen hielten sich nicht mit Lob für sein erstes Buch zurück. Nicholas Eames mag schwarzen Kaffee, guten Whiskey, den Monat Oktober und Videospiele. Er lebt in Ontario (Kanada).

Meine Meinung zu Könige der Finsternis

Ich muss gestehen, dass ich von Nicholas Eames bisher wenig gehört habe. Auf den Autor bin ich erst durch Empfehlung seiner Bücher zum Beispiel durch The Brothers Gwynne auf YouTube aufmerksam geworden. Da Eames‘ viel gepriesene Bücher offenbar völlig an mir vorbeigegangen sind, habe ich die Lücke schnell geschlossen und mir seine ersten beiden Werke gleich besorgt. Hier nun mein Eindruck von Könige der Finsternis, das im Original unter dem Titel Kings of the Wyld erschienen ist. Das Cover der englischen und der deutschen Ausgabe zeigt übrigens die Protagonisten des Buches.

George R. R. Martin meets Terry Pratchett?

Nach der Veröffentlichung des Debütromans überschlugen sich international die positiven Kritiken zu dem Buch. Es sei eine Mischung aus George R. R. Martins epischer Fantasy und Terry Pratchett unvergleichlichem Humor. Tatsächlich liest sich Könige der Finsternis äußerst flüssig und wartet auch mit einigen recht lustigen Passagen und Anspielungen auf. Es war zu keiner Zeit langweilig und die Geschichte beinhaltet auch jede Menge toller Ideen und Überraschungen. Mir hat das sehr gut gefallen. Allerdings habe ich etwas den „Zug“ vermisst, fand also die Spannung nicht immer ausreichend, weshalb ich nicht immer das Bedürfnis hatte gleich noch das nächste Kapitel zu lesen. Bei GRRM hatte ich kein Problem seine Bücher über eine Nacht hinweg zu verschlingen, hier bei Könige der Finsternis jedoch schon. Im Ergebnis habe ich für das Buch länger gebraucht, als ich ursprünglich erwartet hatte. Ich fand die Ideen gut und auch die humorvollen Passagen, doch es war nicht die Geschichte voller Gefahren und Entbehrungen, wie ich es mir von einem Fantasyroman mit legendären Söldnern erhofft hatte und ich hatte daher auch nicht das Bedürfnis es unbedingt in wenigen Stunden durchlesen zu müssen.

Dass die Luft ein wenig raus war, lag vermutlich an verschiedenen Faktoren. Zum einen am Verlauf der Handlung selbst. Es dauerte in meinen Augen viel zu lange, bis die gefahrvolle Queste endlich beginnen konnte. Etwa so, wie wenn sich Bilbo Beutlin in der ersten Hälfte von Der Hobbit zunächst einmal jeden einzelnen Zwerg seiner Reisegruppe suchen und finden muss, bevor man sich auf den Weg macht. Einen Großteil der Handlung in Könige der Finsternis beschäftigt sich mit eben diesem Zusammensuchen der Truppe für die Mission. Das hat durchaus seinen Charme und es ist auch nicht langweilig beschrieben, denn es gibt dabei einige Hürden zu überwinden, bis die Truppe endlich ihre Mission in Angriff nehmen kann. Das ist auch ein guter Weg, wenn man die einzelnen Charaktere langsam einführen möchte, aber ich hätte viel lieber weitaus mehr von der überaus gefährlichen Queste selbst gelesen, in der sich die ganze Truppe durch einen riesigen Wald voller tödlicher Gefahren schlagen muss. Diese werden zwar im Buch in einigen Sätzen beschrieben, aber leider viel zu wenig ausgestaltet.

Zum anderen lag das Problem der Spannungskurve auch ein wenig an der Aufgabe, die sich die Söldnertruppe zu bewältigen vorgenommen hat. Sie ist zwar überaus ehrenhaft, aber irgendwie auch zu wenig bedrohlich (oder wurde als zu wenig bedrohlich dargestellt), um in mir das Gefühl einer großen Gefahr für die Truppe der Protagonisten oder gar der ganzen Welt zu wecken. Sicherlich lag es auch am immer wieder eingeflochtenen Humor, der verhinderte, dass ich als Leser die Geschichte ernster nehmen konnte. Hier gibt es einen Zwiespalt, der schwer zu lösen ist. Nicholas Eames schreibt über diesen Debütroman selbst, dass es ursprünglich eigentlich ein Buch zum Lachen hätte werden sollen. Die Gefahr, dass mit zu vielen humoristischen Passagen jedoch der bedrohliche Ernst auf der Strecke bleibt, der die Leser an die Zeilen fesselt, ist dabei leider recht groß. Bei Pratchett erwarte ich ebendiesen Humor und Wortwitz, er ist also kein Problem. Wenn der Titel eines Buches aber Könige der Finsternis lautet, dann muss da auch eine gute Portion Finsternis mit dabei sein, die mir leider fehlte.

Die Charaktere konnten mich leider nicht für sich gewinnen

Nicholas Eames: Kings of the Wyld (Könige der Finsternis), Orbit, 2017.

Wenn ich im Rückblick über die Geschichte nachdenke, frage ich mich natürlich, woran es lag, dass für mich kein Page-Turner daraus wurde. Wenn mich jemand fragen würde, welcher der Protagonisten mir in der Handlung am besten gefallen hat, dann könnte ich nicht einmal eine eindeutige Antwort geben. Ich fand sie allesamt etwas, wie soll ich sagen, farblos. Der Autor war zwar bemüht ihnen durch eine Hintergrundgeschichte mehr Leben einzuhauchen und auch die zwischenmenschlichen Beziehungen der Mitglieder der Söldnertruppe wurden in vielen Facetten beleuchtet, aber irgendwie sprang der Funke nicht auf mich über. Die Charaktere sind allesamt „coole Socken“ mit wirklich herausragenden Fähigkeiten, aber ich tat mir schwer eine Bindung zu ihnen aufzubauen und mich für sie zu interessieren. Sie konnten in mir auch kaum irgendwelche Emotionen wecken (und das ist ganz schlecht).

Der Fantasyautor John Gwynne hat jüngst in einem Interview betont, er hielte es als Schriftsteller als das Wichtigste überhaupt, die Leser mit dem Text emotional berühren zu können. Freude, Wut, Hass, Verzweiflung, Trauer… ganz egal was die Handlung beim Leser auslöst, der Autor hat dann sein Ziel erreicht, wenn er im Leser emotional etwas bewirken konnte. Wie oft saß ich bei George R. R. Martins Büchern einfach nur da und sagte zu mir selbst „Das hab ich jetzt nicht wirklich gelesen, oder? Der kann doch nicht einfach… Ich glaub‘, ich muss das Buch jetzt gegen die Wand schmeißen!“. Diese emotionalen Momente fehlten mir in Könige der Finsternis fast gänzlich. Es gab einige ganz wenige Situationen, in denen ich ihnen nahe war, aber leider hat Nicholas Eames sie dann nicht ansprechend ausgestaltet. Meist ging er nur kurz darüber hinweg. Wenn mich also jemand nach meinem Lieblingscharakter im Buch fragt, dann muss ich antworten: eigentlich war es der Ettin mit seinen beiden Köpfen, dessen Charakter mich am meisten bewegt hat.

Der Schluss war zu erwarten

Über den Schluss möchte ich nicht allzu viele Worte verlieren. Er war gut und auch in der Form von mir erwartet. Ob es große Opfer unter den Protagonisten gab? Das verrate ich nicht. Es hatte in dem großen Showdown am Schluss schon erst so ausgesehen, als ob alle Mühen vorher vergebens waren, denn zu übermächtig war der Gegner. Doch Nicholas Eames hat es irgendwie geschafft das alles hinzubiegen und einen guten Abschluss für das Buch zu finden. Mir hat das gefallen.

Mein Fazit zu Könige der Finsternis

3 von 5 Sternen „Blieb in einigen Punkten leider hinter meinen Erwartungen zurück.“

Ich bin wohl mit anderen Erwartungen an das Buch herangegangen, die leider etwas enttäuscht wurden. In meiner Rezension habt Ihr gelesen, warum das so war. Es zeigt sich einmal mehr, wie unterschiedlich die Einschätzungen zu einem Buch sind. Ich persönlich kann die vielen positiven Kritiken zu Könige der Finsternis nicht in allen Punkten teilen. Das bedeutet jedoch nicht, dass es ein schlechtes Buch ist. Nicholas Eames hat viele gute Ideen und schaffte es sie umzusetzen, leider geschieht das in weiten Teilen zu oberflächlich. Das Buch ist bedingt humorvoll und man kann an einigen Stellen gut lachen, was an Terry Pratchetts Stil erinnert, allerdings bleibt dadurch auch vieles von der Spannung auf der Strecke. Für einen Vergleich mit George R. R. Martin sehe ich persönlich keine Grundlage. Dazu vermisste ich mehr Emotionalität an den richtigen Stellen und auch weitaus tiefgründigere Charaktere. Ich war bis zum Schluss auf der Suche nach einer Beziehung zu den Protagonisten, die mir in weiten Teilen leider ziemlich egal waren.
Trotz aller Kritik empfehle ich das Buch allen Freunden von Fantasy im Stil von Terry Pratchett und bin gespannt auf den zweiten Band Die schwarze Schar, denn fast jeder Autor entwickelt sich mit der Zeit. Mal sehen, ob Nicholas Eames das ebenfalls tut.

Jay

8 Gedanken zu “Könige der Finsternis von Nicholas Eames

  1. Hallo Jay,

    wie sehr sich Meinungen unterscheiden können. Ich war unfassbar begeistert von „Kings of the Wyld“, es war mein persönliches Buch das Jahres 2019. Gut, ich kann nicht sagen, wie viel bei der Übersetzung ins Deutsche flöten gegangen ist an Wortwitz, Anspielungen, Atmosphäre, aber für mich war es der perfekte Mix aus Fantasy, Rollenspiel und Rock’n Roll. Die Idee, Heldengruppen mit Rockstars zu vergleichen fand ich großartig. Ja, verglichen mit anderen Romanen ist es nicht sonderlich actionlastig, aber dafür haben die Charaktere ausreichend Platz bekommen.
    Den zweiten Teil fand ich in Ordnung, ich bin gespannt auf den nächsten Band.

    VG

    1. Hallo André,

      danke für deinen Beitrag. Ich weiß, dass „Kings of the Wyld“ überall sehr gute Kritiken sammeln konnte und habe es vor allem deshalb auch bestellt und gelesen. Vielleicht hatte ich mir auch etwas anderes erwartet aufgrund dieser Kritiken und ich kann mir auch vorstellen, dass es auf Englisch nochmal etwas besser sein könnte. Ein Indikator für ein gutes Buch (das mir gefällt) ist, wenn ich nicht mehr aufhören kann zu lesen. Bei „Königen der Finsternis“ habe ich vergleichsweise lange zum Lesen gebraucht, ein Zeichen, dass mich weder die Handlung, noch die Charaktere recht reizen konnten. Es gab einige gute Passagen darin, aber mir fehlten verschiedene wichtige Dinge. Ich habe das alles in der Rezension beschrieben. Das zeigt wieder, wie unterschiedlich Meinungen sein können, wenn es um Bücher geht, da hast du vollkommen recht, aber ich denke es ist auch gut so. Ich werde demnächst den zweiten Band lesen.
      Wenn ich eine Empfehlung aussprechen darf: Lies mal „Im Schatten des Kronturms“ von Michael J. Sullivan. Es ist der erste Teil der Riyria-Chroniken. Ich habe davon gerade die eben erst erschienene Fortsetzung durch (Rezension kommt in Kürze) und ich fand darin auch recht viel Witz, weil die beiden Protagonisten so unterschiedlich sind. Ich liebe diese Reihe.

      Viele Grüße
      Jay

      1. Hallo Jay,
        ich stimme Dir absolut zu: Wenn mir ein Buch gut gefällt, dann ist es (leider) sehr schnell durchgelesen. Und ich habe ebenfalls schon desöfteren festgestellt, dass nicht alle gut bewerteten Bücher auch meinen Geschmack treffen.
        Michael Sullivan kann ich nur wärmstens empfehlen, ich lese gerade seine „Legends of the First Empire“-Reihe und die gefällt mir sogar noch besser als Riyria – was ich niemals erwartet hätte.

        Danke auf jeden Fall für Deine Tipps, ich lese Deinen Blog immer wieder gerne. 🙂

        Viele Grüße
        André

        1. Hallo André,

          die Reihe „Legends of the First Empire“ ist wirklich sehr gut. Ich habe mir damals vor Jahren den ersten Band auf Englisch gekauft, weil mir das Cover so sehr gut gefallen hat. So kam ich auf Michael J. Sullivan und schließlich auch auf die Riyria-Reihen. Ich plane demnächst „Age of Death“ zu lesen und im Anschluss den letzten Band „Age of Empyre“. Ich warte schon seit einem Jahr, dass mir das Buch (signiert) aus den USA geliefert wird. Es gab massive Verzögerungen durch Corona. Ich freue mich jedoch sehr, die Reihe bald beenden zu können. Sullivan rocks!

          Viele Grüße

          Jay

  2. Hallo Jay,

    das Buch habe ich ebenfalls gelesen, leider ist nicht viel hängengeblieben.
    Ein Indiz dafür, dass mir der Roman nicht so toll gefallen hat. Nach meinem System 5 von 10 Punkten, also gutes Mittelmaß. Ich stimme mit Dir überein, dass die Figuren recht blass blieben und auch kein richtiger Sympathieträger dabei war.
    Dass es einen zweiten Teil gibt, war mir bis eben nicht bewusst, ob ich mir den kaufe, weiß ich noch nicht…

    Viele Grüße

    Wolfram

    1. Hallo Wolfram,

      ich habe den zweiten Teil hier bei mir und werde ihn demnächst auch noch lesen. Ich verspreche mir eine Weiterentwicklung des Autors und das ich es besser finde, als den ersten Teil.

      Viele Grüße

      Jay

      1. Hallo Jay,

        so wie ich das sehe, ist der zweite Teil eine Geschichte ohne Bezug auf den ersten Teil, ich sehe da keine Weiterentwicklung…

        Viele Grüße

        Wolfram

        1. Hallo Wolfram,

          der Titel des zweiten englischen Bands ist „Bloddy Rose“ und wenn ich mich jetzt nicht ganz täusche, dann ist das der Name der Söldnertruppe von Gabes Tochter Rosie, die er im ersten Band mit seinen Freunden unbedingt retten möchte. Das Buch hat tatsächlich andere Charaktere im Fokus, aber es gibt wohl eine Verbindung zu den Protagonisten. Nach dem für mich recht schwachen ersten Band hoffe ich, auf eine stilistische Steigerung. Mal sehen. Ich werde berichten.

          Viele Grüße

          Jay

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