Tad Williams in Stuttgart – ein fantastischer Abend voller Ausgelassenheit!

Tad Williams in Stuttgart
im Oktober 2017

Verkehrschaos im Stadtgebiet Ulm, Zugverspätungen (nicht ungewöhnlich) und ein sehr langer Arbeitstag konnten mich gestern nicht von einer Reise nach Stuttgart abhalten.
Tad Williams ist ein Fantasy-Urgestein. Seine Otherland-Saga machte ihn als Autor bekannt und seine Drachenbeinthron-Reihe zu einem der besten Fantasyautoren der 90er Jahre bis heute. Die Reihe Das Geheimnis der Großen Schwerter (aka Der Drachenbeinthron) war die erste große Fantasyreihe, die ich innerhalb von wenigen Tagen während meiner tristen Bundeswehrzeit verschlungen habe. Danach war Fantasy zu meinem Lieblingsgenre geworden und Tad zu einem meiner gefragtesten Autoren aufgestiegen.
Seit meiner Monate zwischen Panzern, Minenfeldern und Erbseneintopf sind inzwischen über 22 Jahre vergangen und endlich bekam ich die Chance Tad Williams einmal persönlich über die Glatze zu streichen. Da er weder 2017 in Helsinki, noch 2014 in London auf dem Science Fiction und Fantasy WorldCon zugegen war, stand er bei mir ganz oben auf der Liste meiner „Most Wanted Authors“. Gestern Abend war er endlich, anlässlich der Stuttgarter Dragon Days, in der dortigen Stadtbibliothek im Rahmen einer Lesung zu sehen. Das Buch, aus dem er las, war kein geringeres, als The Witchwood Crown, die lange erwartete Fortsetzung seiner Osten-Ard-Trilogie (In Deutschland sind es vier Bücher).

Meine Güte, war das ein Abend.  Tad las aus seinem neuen Buch auf Englisch und eine recht begabte deutsche Leserin aus der deutschen Übersetzung. Vortrefflich ergänzt wurde der Abend durch den Künstler Sebastian Barwinek, der Tads Lieder aus seinen Osten-Ard Büchern eindrucksvoll vertonte. Auf YouTube findet ihr auf seinem Kanal übrigens auch Videos dazu. Tad Williams selbst war in Bestform und der Abend jeden einzelnen Cent wert. Er stellte sich den zahlreichen Fragen von Björn Springorum (dem Autor von Der Ruf des Henkers) und aus dem Publikum und erzählte aus seinem Leben als Autor, wie er seine Bücher schreibt und was ihn antreibt. Dabei ließ er auch einige private Episoden aus seinem Familienleben nicht aus und sorgte damit für viele Lacher und reichlich spontanen Applaus der anwesenden Fans.

…then my wife an I had children. Well, we still have children and we will probably have them in future. There are laws, you know, and it’s not so easy to get rid of them.
(Tad Williams)

Ich habe mich an diesem Abend königlich amüsiert. Solltet ihr Tad Williams noch nicht live bei einer Lesung gesehen haben und solltet ihr jemals diese Möglichkeit bekommen, dann ergreift sie. Die Dragon Days in Stuttgart finden jedes Jahr statt und Tad ist dort ein gerne gesehener Gast.

Tad Williams: The Witchwood Crown, US-Hardcover,
Tor Verlag, 2017

Tad wendet sehr viel Zeit auf bevor er seine Ideen zu Papier bringt. Gedanklich spielt er verschiedene Möglichkeiten für die weitere Entwicklung der Handlung im Buch durch und versucht den besten Weg zu finden. Zwar hat er eine grobe Vorstellung, wo die Reise hingeht, jedoch entwickelt er viele Details erst während des Schreibens. Sein Schreibstil lässt sich als sehr bildhaft und lebendig bezeichnen und man kann seine Bücher auch im Original auf Englisch recht gut lesen. Tad gibt auch offen zu, dass er sich vor allem in der Anfangszeit seines Autorenlebens von anderen Autoren inspirieren ließ. Allen voran J. R. R. Tolkien. Es gibt wohl auch keinen Fantasyautoren, der nicht irgendwo ein bisschen von Tolkien beeinflusst wurde und wird. Tad Williams hat, wie er zugibt, den Herr der Ringe noch vor dem Hobbit gelesen und führt auch seine doch recht umfangreichen Bücher auf Tolkiens 1000-seitigen Ziegelstein zurück. Doch schreibt Williams nicht nur, sondern er spielte in seiner Kindheit auch Theater, unter anderem den Drachen Smaug, was er sehr anschaulich und unter großem Gelächter an diesem Abend zu Besten gab. Er macht Musik und empfindet auch seine Bücher ein wenig wie Musikstücke, die in seinem Kopf entstehen. Diese haben schnelle und langsame Passagen, spannende und laute Abschnitte oder auch romantische und leise, um den Leser zu unterhalten. Er meint, ein langes Musikstück, das seine Geschwindigkeit nicht ändert und auch seine Instrumente nicht variiert, wäre ebenso langweilig und ohne Abwechslung, wie ein dickes Buch ohne plötzliche Wendungen und verschiedene Charaktere. Recht hat er. Und obwohl seine Bücher sicherlich nicht zu den dünnsten gehören, liest man sie gerne und ohne Pause. Nicht zuletzt der bekannte Fantasyautor George R. R. Martin ließ sich von Tads Drachenbeinthron-Saga inspirieren, als er Ende der 90er Jahre anfing Das Lied von Eis und Feuer (A Game of Thrones) zu schreiben.

Der Musiker Sebastian Barwinek in Stuttgart, 2017

Nachdem ich meinen geplanten Zug von Stuttgart nach Ulm eh schon verpasst hatte (der Abend war wirklich recht lang), musste ich natürlich auch noch die Signierschlange mitnehmen und ein paar meiner Bücher signieren lassen. Tad Williams nahm sich sehr viel Zeit für jeden Einzelnen seiner Leser, schrieb Widmungen in die Bücher und wechselte freundliche Worte. Ich erwischte den letzten Zug nach Ulm um 23.22 Uhr und ein Eichhörnchen brachte mich die letzten paar Kilometer mit dem Auto zurück in mein kleines Städtchen. Müde war ich, aber der Abend war perfekt. Tad Williams wird weiterhin auf meiner Most-Wanted-Liste bleiben. Das ist mal sicher wie Pfeile im Hintern der Orks.

Jay

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

This Blog will give regular Commentators DoFollow Status. Implemented from IT Blögg

Facebook IconTwitter IconFolgt uns mit Bloglovin'Folgt uns mit Bloglovin'Folgt uns mit Bloglovin'