Anne Holt: Schattenkind

»Wissen Sie, wie viele verurteilt werden, weil sie ihre Kinder misshandelt haben?«
»Nicht viele.«
»Eine Handvoll pro Jahr. Falls überhaupt.« (Anne Holt: Schattenkind)

Anne Holt: Schattenkind Deutsche Taschenbuchausgabe Piper Verlag (2013)

Anne Holt: Schattenkind
Deutsche Taschenbuchausgabe
Piper Verlag (2013)

Inhalt

Am Nachmittag des 22. Juli 2011, dem Tag des Massakers von Utøya, stirbt in Oslo auch der 8-jähriger Sander im Wohnzimmer der Eltern. Zunächst sieht es wie ein Unfall aus und es scheint, dass der Fall schnell zu den Akten gelegt werden kann. Doch ein junger Polizist beginnt Fragen zu stellen und auch Johanne Vik, die Kriminalpsychologin, beginnt nach und nach immer mehr daran zu zweifeln, ob Sanders Tod wirklich nur ein tragischer Unglücksfall war. Sie kennt die Familie des Jungen sehr gut und während ihr Mann, der Kommissar Yngvar Stubø, sich mit den Hintergründen des Massakers in Utøya beschäftigen muss, stellt sie auf sich gestellt Nachforschungen an. Wer könnte den Tod des Jungen gewollt haben, der augenscheinlich in einer wohlhabenden und gut situierten Familie glücklich aufwuchs? Hat der eigene Vater den Jungen misshandelt oder liegt das Motiv für einen Mord doch ganz woanders? Im Laufe der Ermittlungen beginnt die Fassade von Sanders Familie immer mehr zu bröckeln und bringt die wahre Tragödie hinter Sanders Tod zum Vorschein…

Über das Buch und die Autorin

Krimiautorin Anne Holt (Fotograf: Jo Michael)

Krimiautorin Anne Holt
(Fotograf: Jo Michael)

Schattenkind ist der fünfte und letzte Roman in der sogenannten Yngvar-Stubø-Reihe der norwegischen Krimiautorin Anne Holt. Er ist 2012 unter dem Titel Skyggedød erschienen und wurde, wie auch die anderen Bücher der Reihe, vom Piper Verlag in die deutschen Buchhandlungen gebracht. Die im November 1958 geborene Anne Holt ist nicht nur erfolgreiche Autorin von Kriminalromanen, sie studierte vorher Rechtswissenschaften und arbeitete als Rechtsanwältin und Polizeijuristin, bevor sie für wenige Monate sogar Norwegens Justizministerin wurde. Anne Holts Romane wurden in viele Sprachen übersetzt. Sie lebt heute in Oslo.
Schattenkind erschien am 15. Januar 2015 als Taschenbuch bei Piper und hat einen Umfang von 336 Seiten. Zudem ist es als Hardcoverausgabe und als E-Book erhältlich.

Meine Meinung

In den vergangenen Monaten habe ich, obwohl ich eigentlich ein eigefleischter Fantasy-Leser bin, immer wieder auch Krimis und Thriller gelesen, die mich vom Klappentext her interessierten. Anne Holt war mir bisher noch kein Begriff und ich habe auch die ersten vier Bücher dieser Reihe nicht gelesen. Das Buch Schattenkind war mir kürzlich aufgefallen, weil es meine Buchhandlung recht groß beworben hatte und die Thematik spannend genug war, um mein Interesse zu wecken.
Die psychische und physische Misshandlung von Kindern im Elternhaus ist leider nachwievor ein großes gesellschaftliches Thema und die Dunkelziffer ist hoch. Anne Holt hat sich in Schattenkind der Thematik überzeugend angenommen und die Probleme von verschiedenen Seiten beleuchtet. Sie hat dabei nicht vergessen dem Leser zu zeigen, wie die Gesellschaft mit dem Problem umgeht. Von Lehrern, die das Offensichtliche nicht wahrnehmen wollen bis hin zu Personen, die durch ihren Einfluss die Täter schützen oder schlichtweg die Dinge verharmlosen. :nono:

Anne Holt: Skyggedød Norwegische Ausgabe (2012)

Anne Holt: Skyggedød
Norwegische Ausgabe
(2012)

Das Buch fing auch schon gleich gut an. Der Junge war auf der ersten Seite bereits gestorben und die armen Eltern völlig aufgelöst, als Johanne das Wohnzimmer betritt. Im Laufe der folgenden Kapitel werden dann auch immer mehr Details aus dem Umfeld der Familie bekannt, sodass man als Leser wirklich gut in verschiedene Richtungen spekulieren konnte. Da ich die ersten Bände der Reihe nicht gelesen hatte, waren mir auch die Hauptpersonen des Romans zunächst nicht bekannt. Anne Holt hat das sehr gut gelöst und die wesentlichen Informationen in die Handlung mit einfließen lassen. Leider kommt der Fall in der ersten Hälfte des Buches nicht allzu sehr voran. Es wird zwar viel geredet und ermittelt und es gibt auch immer wieder neue Indizien, die mich aufhorchen ließen (wenn man das bei einem Buch so sagen kann), jedoch dreht sich die Geschichte etwas im Kreis und brachte mich nicht wirklich weiter. Die Spannung blieb dadurch leider etwas auf der Strecke. Ab der zweiten Hälfte zieht die Handlung jedoch merklich an, was nicht zuletzt an den Charakteren liegt. Am interessantesten fand ich die Person des jungen und unerfahrenen Polizisten Henrik Holme, der ziemlich unbeholfen und unerwartet in den Fall schlittert und seine Chance erkennt, endlich zeigen zu können, was in ihm steckt. Anne Holt beschreibt ihn sehr detailliert, einschließlich seiner Kinder- und Jugendzeit, sämtlicher Phobien und Unzulänglichkeiten. Das lässt einem als Leser zwar manchmal sehr an seinen Kompetenzen zweifeln, macht ihn jedoch zu keinen unsympathischen Charakter. Er wirkt manchmal geradezu tolpatschig, wie  er durch den Fall stiefelt und dennoch ist er nicht unwesentlich an der Lösung beteiligt. Ich könnte mir Henrik Holme durchaus als Ermittler in seiner eigenen Krimireihe vorstellen, denn seine Charaktergeschichte birgt großes Potential für gute Unterhaltung. :-D

Die Lösung wird dem Leser dann auch auf den letzten 10 bis 15 Seiten präsentiert. Nicht in einem großen, dramatischen Showdown mit Schusswechseln und Verfolgungsjagd, sondern sachlich in einem Zimmer mit allen Verdächtigen, wie man es vom guten, alten Freitagskrimi und Sherlock Holmes gewohnt ist. Man muss der Autorin lassen, dass sie dem Leser zum Schluss noch so einige Überraschungen bereitet und die Dinge nicht ganz so liegen, wie man es zunächst vermutet hatte. Dass es sich bei Schattenkind um den letzten Roman einer Reihe handelt, wird dann noch auf den letzten beiden Seiten deutlich. :omg:

4 von 5 Sternen "Ein solider Krimi um eine wichtige Thematik."

4 von 5 Sternen
„Ein solider Krimi um eine wichtige Thematik.“

Mein Fazit

Bei Schattenkind von Anne Holt handelt es sich um einen soliden Krimi, der zwar nicht viel weltbewegend Neues bieten kann, jedoch mit interessanten Charakteren und einer aktuellen Thematik punktet. Er lässt sich flüssig lesen, ohne dass allzu viel Langeweile aufkommen kann. Würde ich das Buch mit Filmen vergleichen, dann wäre Schattenkind ein guter Freitagabend-Krimi, jedoch kein Blockbuster, der den Zuschauer an den Nägeln kauen lässt. Dennoch bleibt Kindesmisshandlung ein brisantes Thema, das von der Autorin gut aufgegriffen wurde. Ihr Buch könnte zur Sensibilisierung der Gesellschaft für die Anzeichen physischen und psychischen Missbrauchs beitragen. Nicht nur aus diesem Grund will ich es Krimifans hier empfehlen. :thumbup:

Jay

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