Wilma Pause: Zu Hause ist Kevin ganz anders

Aber vor allem möchte ich sie darum bitten, die Sitzordnung in der Klasse zu ändern. Die Jungen werden so sehr von den Mädchen attackiert, sie sollten zusammensitzen, damit sie sich wehren können. (Wilma Pause: Zu Hause ist Kevin ganz anders)

Wilma Pause: Zu Hause ist Kevin ganz anders Taschenbuch, HEYNE (2013)

Wilma Pause:
Zu Hause ist Kevin ganz anders
Taschenbuch, HEYNE (2013)

Inhalt

Die Schüler werden immer schwieriger? Nein, es sind die Eltern! Sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, was einmal der Wirkungsbereich der Kinder war: den Lehrern das Leben zur Hölle zu machen.
Wilma Pause ist Lehrerin an einer Gesamtschule in der deutschen Provinz. In kuriosen Geschichten erzählt sie von wunderlichen Elterngesprächen, der verstörenden Annahme, die Schule übernehme jede Erziehungsarbeit, und vom unantastbaren Elterngesetz, dass das eigene Kind unfehlbar ist. Ihr Alltag ist absurd-amüsante Realsatire – irre, berührend und vor allem sehr lustig. (Klappentext)

Über das Buch und die Autorin

Die Autorin Wilma Pause, sie schreibt unter einem Pseudonym, ist Jahrgang 1975 und unterrichtet an einer Gesamtschule in der deutschen Provinz die Fächer Deutsch und Geschichte in der Mittel- und Oberstufe. Trotz aller in ihrem Buch beschriebenen Erlebnisse ist sie immer noch gerne Lehrerin – nicht wegen der Eltern, sondern wegen der Kinder. (Quelle: Wilma Pause: Zu Hause ist Kevin ganz anders)
Zu Hause ist Kevin ganz anders ist im November 2013 als Taschenbuch bei HEYNE erschienen. Es ist in fünf größere Kapitel und eine abschließende „küchenpsychologische Betrachtung“  aufgeteilt und umfasst insgesamt 256 Seiten. Die Kapitel im Einzelnen:

  • Lehrer sind inkompetent
  • Die Schule macht alles!
  • Schüler haben Dienstmädchen
  • Mein Kind muss beachtet werden!
  • Mein Kind tut so etwas nicht!

Die Kapitel beinhalten jeweils mehrere interessante Episoden aus Wilma Pauses beruflichen Alltag, die sich schön auch unabhängig voneinander lesen lassen. Dadurch eignet sich das Buch auch gut als amüsante Lektüre für zwischendurch.

Meine Meinung

Wenn ich durch die örtlichen Buchhandlungen streife, dann kaufe ich relativ selten spontan Bücher, aber Wilma Pauses Buch mit dem Untertitel „Eltern und andere Tiefpunkte aus dem Alltag einer Lehrerin“ musste ich einfach haben, zumal ich selbst Lehrer bin. Ich hatte das Buch in der Buchhandlung bereits angelesen und musste schon nach den ersten Absätzen innerlich lachen, wie gut Frau Pause die alltäglichen Episoden aus ihrem Berufsalltag erzählt und auf den Punkt bringt. Da geht es um unselbstständige Schüler, denen sie Eltern alles nachtragen, um Eltern, die mit ihren Kindern schlichtweg überfordert sind und die Erziehungsarbeit komplett der Schule überlassen, um „liebe“ Schülerinnen und Schüler, die absolut keiner Fliege etwas zu Leide tun und die man ständig vor den „bösen“ Mitschülern (und Lehrern) beschützen muss, ADHS, Alzheimer, ganz offensichtliche Hochbegabung, u. v. m.
Was mir gut gefallen hat ist die stilistische Umsetzung, denn die Autorin beschreibt nicht nur die Situationen, sondern gibt die Elterngespräche (persönlich oder am Telefon) wörtlich in ihrem Buch wieder. Welche fantsatischen Geschichten hier erzählt werden, ließen mich innerlich immer wieder laut auflachen, zumal es sich, was meine Erfahrung angeht, tatsächlich bisweilen so abspielt. Das Kind sagt die Wahrheit und der Lehrer möge doch bitte mal seine Augen, Ohren und alle anderen Sinnesorgane untersuchen lassen. :roll:

Er hat die Zigarette nur für seinen Freund Alex festgehalten, Frau Pause. Dass etwas [Rauch, Anm. d. Rezensenten] aus seinem Mund kam, kann also nicht sein. (Seite  247)

Besonders amüsant sind in diesem Zusammenhang auch immer die Gedanken von Frau Pause, die ihr während der Gespräche so durch den Kopf gehen und die sie natürlich nicht laut aussprechen darf. Nicht selten sind die Eltern grundlos aufgebracht und die Situation soll nicht eskalieren. Dabei denkt sie genau das, was ein normaler Mensche in dem Zusammenhang auch denken würde und trifft damit den Nagel präzise auf den Kopf.
Was die Autorin detailliert und abwechslungsreich in ihrem Buch beschreibt gibt zum einen immer wieder Grund zum Lachen, zum anderen spiegelt es auch einen Teil unserer Gesellschaft wider, der sich in den vergangenen Jahrzehnten immer stärker zum Negativen verändert hat. Die sogenannten Helikoptereltern, die bildlich über ihren Kindern schweben und jedes kleine oder größere Ungemach konsequent von ihnen fern halten, gehören leider immer mehr zum pädagogischen Alltag – nicht nur in den Schulen und Kindergärten. Den Kindern und Jugendlichen wird dadurch die Möglichkeit genommen zu lernen sich selbst im Leben durchzusetzen. Man müsste darüber als Tätiger in der Kinder- und Jugendarbeit regelmäßig weinen, wenn es nicht manchmal so urkomisch wäre. Liest man die Episoden glaubt man nicht selten man wäre in einem surrealen Theaterstück, denn niemals kann es im wahren Leben so etwas geben. Glaubt man. :hmm:

Mein Sohn darf so viel Müll [aus der Biomülltonne, Anm. d. Rezensenten] essen, wie er will! Das geht sie gar nichts an! […] Sie beschneiden ja die Freiheiten der Kinder! (Seite 19) 8-O

Doch das gibt es wohl. Deswegen empfehle ich Wilma Pauses humorvoll-satirisches Buch allen Leserinnen und Lesern, die einmal eine andere Perspektive auf den Schulalltag einnehmen möchten und die meinen, Lehrer hätten in ihrem Beruf ein allzu leichtes Leben. Aber, wie Frau Pause schon sagte: Die Kinder sind recht oft nicht das Problem. :idea:

In ihrer abschließenden „küchenpsychologischen Betrachtung“ versucht Frau Pause kurz die Hintergründe für das beschriebene Verhalten zu beleuchten. Ich empfehle in diesem Zusammenhang die Bücher von Michael Winterhoff, allen voran Warum unsere Kinder zu Tyrannen werden. Außerdem von Josef Kraus das Buch Helikopter-Eltern. :thumbup:

4 von 5 Sternen "Ein satirischer und gelungener Einblick in den Schulalltag."

4 von 5 Sternen
„Ein satirischer und gelungener Einblick in den Schulalltag.“

Mein Fazit

Eine überaus unterhaltsame Lektüre, in der einige tiefgreifende Probleme unserer Gesellschaft angesprochen werden, was die Erziehung und Ausbildung unserer Kinder betrifft. Pädagogen werden sich wohl in mancher dieser Geschichten wiederfinden, aber auch manche Eltern werden nicht umhin kommen gelegentlich den Kopf zu schütteln über das, was an unseren Schulen manchmal so alles passiert. Als Lehrer muss ich jedoch sagen, dass wir uns dennoch nicht abschrecken lassen und tagtäglich unser Bestes tun den hohen Anforderungen an unseren Beruf gerecht zu werden. In erster Linie natürlich zum Wohle der uns anvertrauten Kinder und Jugendlichen. :)

 

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