4. Oktober 2022

Unbarmherziges Land von Chris Offutt

Unbarmherziges Land

Mick Hardin, Ermittler für das CID der US-Army, ist auf Heimaturlaub. Seine Frau ist hochschwanger, doch sie reden nicht miteinander. Seine Schwester Linda, erst kürzlich zum ersten weiblichen Sheriff von Eldridge County aufgestiegen, steht vor ihrem ersten Mordfall, den ihr die lokalen Politiker am liebsten wegnehmen würden. Der übliche Chauvinismus oder geht es um mehr? Mit ihrem Bruder Mick macht sich Linda an die Lösung des Falls, denn sie weiß, dass unter der schönen und rauen Hügellandschaft Kentuckys die Gewalt brodelt und die offizielle Justiz keinen guten Stand hat. Bleibt nur die Frage, was tödlicher ist: die Menschen oder die Unbarmherzigkeit der Natur. (Quelle: Klett-Cotta)

Titel: Unbarmherziges Land (The Killing Hills) Autor: Chris Offutt Verlag: Tropen Verlag (Klett-Cotta) Seitenzahl: 224 Genre: Krimi Alter: 16+ Erste Aufl.: 24. Juli 2021 Reihe:Ausgaben: Paperback, E-Book ISBN: 978-3608505122 (Paperback) Sonstiges:

Über den Autor von Unbarmherziges Land

Der US-amerikanische Autor Christopher John Offutt wurde am 24. August 1958 in Lexington, im Bundesstaat Kentucky geboren. Er wuchs in dem kleinen Ort Haldeman, einer ehemaligen Bergbausiedlung, am Fuß der Appalachen im östlichen Kentucky auf. Sein Vater, Andrew J. Offutt, war selbst Autor. Nach dem Besuch der Universität, wo er Englisch und Theaterwissenschaften studierte, fuhr er für längere Zeit per Anhalter durch das Land, nahm in dieser Zeit über 50 verschiedene Aushilfsjobs an und begann zu schreiben. Seine erste Sammlung von Kurzgeschichten veröffentlichte er schließlich im Jahr 1992 unter dem Titel Kentucky Straight. Weitere Bücher sollten folgen. Chris Offut wurde für seine Romane mehrfach und international ausgezeichnet. Er lebt und schreibt heute in der Nähe von Oxford im US-Bundesstaat Mississippi und ist zudem noch als Fotograf tätig.

Meine Meinung zu Unbarmherziges Land von Chris Offutt

Kein Mondschein so sanft wie über Kentucky
Kein Sommer so lang wie hier in Kentucky
Freundschaft nie fester
Liebe nie treuer
Unrecht nie größer als in Kentucky

James Hilary Mulligan „In Kentucky“ (poem), in: Unbarmherziges Land von Chris Offutt

Mit diesen ersten Worten aus dem wohl bekanntesten Gedicht über Kentucky von James Hilary Mulligan (*1844 in Lexington, †1915) leitet Chris Offutt seinen Krimi Unbarmherziges Land ein. Die Worte des Gedichts lassen schon erkennen, in welchem Rahmen sich die Handlung des Buches bewegen wird. Es geht um Zusammenhalt und Liebe, aber auch um Neid, Misstrauen und Gewalt in den Hügeln von Kentucky, wo die Handlung angesiedelt ist. Die Tatsache, dass Chris Offutt selbst in einem kleinen Ort am Fuß der Appalachen aufgewachsen ist und die Gegend gut kennt, macht seinen Roman zudem noch glaubwürdiger.

Viel Atmosphäre sorgt für ein gutes Maß an Spannung

Der Autor schafft es schon nach wenigen Seiten, die Stimmung im Ort einzufangen. Verschiedene Familien, jeweils mit ihren Eigenheiten, eigenen Geheimnissen und Gerüchten, die über sie im Umlauf sind, leben verteilt und abgeschieden in den einzelnen Tälern zwischen den „Kentucky Hills“. Man kennt sich seit Generationen, man ist befreundet oder man meidet sich, und man ist generell misstrauisch gegenüber Leuten, die zu viele Fragen stellen und Fremden, die sich besser um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern sollten. Enge Familienbande sorgen für einen festen Zusammenhalt innerhalb der einzelnen Familien und was in den einsamen Kentucky Hills geschieht, das bleibt dort und man redet nicht darüber. Doch genauso verschwiegen und eigenbrötlerisch, wie die Menschen dort dargestellt werden, so wenig werden Streitigkeiten vergessen. Manche liegen schon Jahrzehnte zurück, doch der Wunsch nach Gerechtigkeit und Rache bleibt bestehen. Man vergisst nicht so leicht in den Kentucky Hills.

Chris Offutt: The Killing Hills (Cover), Grove Press, 15. Juni 2021

Chris Offutt schafft es perfekt, genau diese Stimmung in seinem Buch einzufangen und wirft seine Protagonisten, die einen Mord aufklären sollen, quasi ins kalte Wasser. Linda Hardin ist der erste weibliche Sheriff in Eldridge County und allein schon deswegen einen schweren Stand bei den Einheimischen, weil sie eine Frau ist. Zwar wurde sie gewählt, aber nicht von allen. Zusammen mit ihrem Bruder Mick, der seit vielen Jahren in Europa als Ermittler arbeitet und nur zu Besuch in Kentucky ist, versucht sie hinter den Täter und die Gründe für den Tod einer Frau zu kommen, deren Leiche in den Kentucky Hills gefunden wurde.

Kein leichtes Unterfangen, wenn ihr und Mick Misstrauen entgegenschlägt und die Leute, die was darüber wissen, schweigen wie ein Grab. Mick und Linda Hardin kommen selbst aus der Gegend und sind dort aufgewachsen. Dies ist auch der einzige Grund, warum manche der Einwohner bereit sind, mit ihnen zu sprechen. Die Charaktere sind allesamt überzeugend gezeichnet und man erfährt so manches auch über ihre Vorgeschichte. Mick Hardins Beziehung zu seiner Frau Peggy ist zudem eine Nebenhandlung, welche die Haupthandlung noch um einige interessante Aspekte ergänzt. Zwar ist es für die Ermittlung des Täters nicht relevant, aber es gibt einen zusätzlichen Einblick in Micks Vorgeschichte und das Selbstbild seiner Frau, die für mich ebenfalls eine tragische Persönlichkeit in dem Buch ist. Im Zentrum von Offutts Roman stehen die Menschen. Sie und ihre Geschichte sind es, die für Spannung sorgen.

Ich bin ja nun nicht so der Krimi-Leser, aber Chris Offutts Roman hat mich von Beginn an fasziniert. Interessant war für mich nicht unbedingt zu wissen, wer am Schluss der Täter ist, sondern vielmehr die Atmosphäre und die Zusammenhänge in den Kentucky Hills zu erkunden. Fast jede der ansässigen Familien hat ihre kleinen Geheimnisse und Vorgeschichte. Ereignisse, die mitunter schon Jahre zurückliegen und die sich noch immer auf das Jetzt auswirken, nehmen Einfluss auf die Geschichte.

Für die Ermittler ist es keine leichte Aufgabe, den Fall zu lösen, aber der Weg zur Lösung ist schließlich das Interessante an der Handlung, wie es in einem Krimi sein sollte. Dabei verzichtet Offutt auf allzu viel Gewalt und effektheischende Spannungselemente, wie man sie aus Thrillern kennt. Die Spannung ergibt sich automatisch, je weiter man die Kentucky Hills erkundet und entsteht ebenfalls durch verschiedene Perspektivenwechsel. Der Leser weiß dabei mehr, als die Protagonisten. Mit Spannung verfolgte ich, wie sich die einzelnen Puzzlestücke mit der Zeit zusammenfügen. Der Täter ist bereits nach gut der Hälfte bekannt, doch wie wird die Geschichte insgesamt ausgehen? Lest selbst.

Mein Fazit

4.5 von 5 Sternen „Empfehlenswert!“

Obwohl ich eigentlich nicht so der Krimi-Leser bin, hat mir Chris Offutts Buch Unbarmherziges Land gut gefallen und ich habe es mit großem Interesse gelesen. Es ist eines jener Bücher, in die man eintaucht und die einem bis zur letzten Seite faszinieren können. Im Vordergrund steht dabei weniger die Frage, wer den am Ende der Täter ist. Vielmehr sind es die Beziehungen und Verhältnisse der Familien, die verstreut in den abgeschiedenen Tälern der Kentucky Hills leben, welche die Lektüre interessant machen. Mir hat das gefallen und ich kann das Buch allen Krimifans mit gutem Gewissen empfehlen. Mit einem Umfang von nur 224 Seiten ist es zudem recht überschaubar.

Recht herzlich möchte ich mich an dieser Stelle beim Tropen Verlag (Klett-Cotta) für das kostenlose Rezensionsexemplar bedanken. Und ich freue mich über Eure Kommentare zur Rezension.

Jay

2 Gedanken zu “Unbarmherziges Land von Chris Offutt

  1. Ich habe das Buch im letzten Jahr gelesen und das ebenso gern. Ich hoffe sehr, dass es eine Fortsetzung geben wird, die es zudem in die deutsche Übersetzung schafft. Mir gefiel in erster Linie die Schilderung des Landes und seiner Bewohner, das „Knurrige“ eben. Die Krimihandlung durfte dahinter gerne (eine Weile) zurücktreten.

    1. Hallo Soleil,

      ja, mir ging es ebenso. Die Stimmung im Buch fand ich toll. Man konnte sich die Situationen und das häufige Misstrauen so richtig gut vorstellen.

      Viele Grüße
      Jay

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