24. Mai 2022

Wie hoch ist meine Fehlertoleranz beim Lesen?

Hallo zusammen. Eine neue Woche startet und es sind nur noch fünf Tage bis Ostern. Als Lehrer bin ich gerade wieder im Ferienmodus. Aktuell schreibe ich Euch aus einer wunderschönen Ferienwohnung in Dortmund, wo ich mit Lebensgefährtin und Kind ein paar Tage verbringe.

Das Wetter ist gerade gut, was für den April nicht immer selbstverständlich ist, und wir haben einige Ausflüge für die Woche geplant. Für schöne Lesestunden habe ich Das Verschwinden der Wintertochter von Michael J. Sullivan mit im Gepäck und ich bin bis jetzt schon schwer begeistert davon. Mehr darüber aber in meiner kommenden Rezension.

Wie es fast schon Tradition ist, gibt’s auch heute wieder die Montagsfrage von Sophie vom Literaturblog Wordworld. Nicht zu jeder Frage kann ich immer etwas sagen und schreiben, doch heute geht es um ein Thema, das wohl alle Leserinnen und Leser irgendwann einmal beschäftigt hat. Es geht um die Frage, wie sehr mich Fehler in einem Buch beim Lesen stören. Dazu zählen nicht nur Rechtschreibfehler, sondern auch Grammatik und fehlerhafte Übersetzungen.

Wie empfindlich reagiert Ihr auf Tipp-, Rechtschreib- oder Übersetzungsfehler in einem Buch?

Prinzipiell kann ich von mir behaupten, dass mich Rechtschreibfehler in Texten kaum stören, weil sie mir vermutlich eh kaum mehr auffallen. Meine Lesegeschwindigkeit ist hoch genug, dass ich sie einfach überlese. Problematisch wird es dann, wenn sie mir des Öfteren ins Auge springen und ich merke, dass unsauber gearbeitet und lektoriert wurde. Ich behaupte jetzt mal, dass vermutlich in jedem Buch an irgendwelchen Stellen Fehler zu finden sind, denn es ist einfach nur menschlich welche zu übersehen. Wer schon einmal an der Hochschule eine längere wissenschaftliche Arbeit eingereicht hat, weiß, wovon ich spreche. Man kann den Text zig Mal lesen und übersieht dennoch immer irgendwo etwas. Wenn ich manchmal ältere Blogbeiträge überarbeite, bin ich selbst überrascht, wie viele Fehler sich da eingeschlichen haben, die ich übersehen habe (sicher auch in diesem Beitrag hier). Die automatische Fehlererkennung ist in dem Fall wirklich Gold wert. Einzelne Fehler stören mich daher auch nicht in einem Buch, zumal ich sie vermutlich eh einfach überlese. Warum das so ist, erklärt Sophia in ihrem Beitrag zur Montagsfrage sehr anschaulich. Und vielleicht habt Ihr ja auch schon von dieser recht bekannten Studie der Universität Cambridge gehört (ist schon einige Jahre alt), wonach nur die ersten und letzten Buchstaben eines Wortes relevant sind, um deren Sinn zu erfassen. Das liegt daran, dass wir nicht einzelne Buchstaben eines Wortes lesen, das tun wir nur als Leseanfänger, sondern Auge und Gehirn das Wort als Ganzes wahrnehmen. Ich werde das bekannte Beispiel, das überall im Internet herumschwirrt, hier einfach mal zitieren:

Luat eienr Stduie der Cambrdige Unievrstiät speilt es kenie Rlloe, in welcehr Reiehnfogle die Buhcstbaen in eniem Wrot vorkmomen, die eingzie whctige Sahce ist, dsas der ertse und der lettze Buhcstbaen stmimt. Der Rset knan in eienm völilegen Duchrienanedr sein und knan trtozedm prboelmols gelseen wreden. Das ist, weil das menchsilche Ague nicht jeedn Buhcstbaen liset. Ertsuanlcih, nihct?

(diverse Quellen im Internet)

Gut nachvollziehen kann man das ebenfalls beim Lesen von Büchern in einer Fremdsprache. Anfangs geht es eventuell noch recht langsam, weil das Gehirn die Worterkennung noch nicht ausreichend trainiert hat. Liest man jedoch immer wieder in der Fremdsprache, dann wird man wohl irgendwann eine ähnliche Geschwindigkeit erreichen, wie in der Muttersprache. Voraussetzung ist dabei jedoch auch, dass man den Wortschatz parat hat, um den Inhalt des Texts zu verstehen.

Einzelne Fehler stören mich also kaum, wenn sie mir überhaupt auffallen. Wenn mich jedoch gefühlt auf jeder Seite Fehler immer wieder Fehler anspringen, wird es mir zu viel. Ich habe auch bisweilen Autoren diese Fehler mitgeteilt, damit sie in der nächsten Auflage verbessert werden (ganz der korrekte und nervige Lehrer, der ich sein kann). Oft waren das jedoch junge Autoren, die sich für ihre Debütromane kein Lektorat geleistet haben und die ihre Bücher selbst verlegen und zur Rezension anbieten. Ist ja auch völlig in Ordnung, allerdings sollte dennoch eine möglichst umfassende Korrektur irgendwie stattfinden. Ich möchte allerdings dazu sagen, dass solche Bücher mit vielen Rechtschreibfehlern bei mir bisher recht selten sind.

Was grammatikalische Fehler betrifft, habe ich bisher recht wenige in den Büchern gefunden und wenn wirklich einmal, dann stören sie mich auch nicht, solange der Sinn des Satzes nicht völlig entstellt wurde.

Bei Übersetzungsfehlern jedoch ist es ein wenig anders. Meist fallen mir diese Fehler nicht auf, weil ich meist den Originaltext nicht zur Hand habe, um direkt vergleichen zu können. Als Englischlehrer sind mehr jedoch eine Vielzahl von Phrasen bekannt, die man in der Regel nicht wörtlich ins Deutsche übersetzen kann. Die fallen mir dann schon auf, weil sie irgendwie nicht passen und ich persönlich sie anders übersetzt hätte. Solche Schnitzer sind jedoch überaus selten.

Die Übersetzung von Namen… geht gar nicht!

Es gibt jedoch Übersetzungen, die finde ich so unpassend, dass ich dann das ganze Buch nicht mehr lesen kann. Meine Fehlertoleranz beim Lesen wird dabei auf eine harte Probe gestellt. Das ist der Fall, wenn es um die Eindeutschung von Eigennamen geht, die dann einfach nur noch unpassend und lächerlich klingen. Ich hatte diese Kritik bereits in anderen Beiträgen beschrieben. Mein liebstes Beispiel ist die Übersetzung des Namens Arlen Bales mit Arlen „Strohballen“. Arlen Bales ist ein Hauptcharakter und Dämonenjäger aus Peter V. Bretts Dämonenzyklus (Das Lied der Dunkelheit) und die Übersetzung seines Namens das Schlimmste, was man dem Autor und seinem Charakter hatte antun können. Es klingt einfach nur Sch****. Man liest ja schließlich auch nicht von Harald Töpfer (Harry Potter) oder von Lukas Himmelgeher (Luke Skywalker) oder von Jakob Spatz (Jack Sparrow). Bei solchen Verunstaltungen rollen sich mir wirklich die Zehennägel auf und ich möchte mit meiner Stirn dann nur noch sinnlos gegen die Wand schlagen – wieder und wieder.

In meinen Augen kommt so eine schlechte (wörtliche) Übersetzung eines Namens einer Vergewaltigung des Charakters gleich.

Jay in der Montagsfrage vom 10. Mai 2021

Nicht nur des Charakters, muss ich ergänzen, sondern es ist auch eine Zumutung für die Leser. Das ist letztendlich der einzige Grund, weshalb ich Peter V. Bretts Dämonenzyklus bis heute nicht auf Deutsch lesen kann, so sehr ich es gerne einmal tun würde. Manchmal frage ich mich wirklich, was sich die Übersetzerin dabei gedacht hat. Namen sind Namen. Die stehen für sich und werden höchstens in Ausnahmefällen abgewandelt, um bei sehr komplizierten Namen den Lesefluss zu verbessern. Das ist dann aber auch schon alles.

So, das waren nun meine Ausführungen zu meiner Fehlertoleranz beim Lesen in Büchern. Gerne würde ich auch Eure Meinung dazu hören. Schreibt mir, wenn Ihr wollt, in die Kommentare. Ich freue mich über jeden Beitrag.

Jay

4 Gedanken zu “Wie hoch ist meine Fehlertoleranz beim Lesen?

  1. Hey Jay,

    danke mal wieder für deinen sehr differenzierten Beitrag (in dem ich nur einen Fehler gefunden habe, haha – falls vorhanden habe ich die anderen wohl überlesen).
    Bei der Übersetzung von Namen oder feststehenden Begriffen bin ich übrigens ganz deiner Meinung: das verschandelt nicht nur Klang und Wirkung von Figuren oder Schauplätzen, sondern ist auch gänzlich unnötig. Wenn eine unbedarfte Person beim Lesen die Anspielung im englischen Namen nicht versteht, ist das kein Drama, den gesamten Klang eines Namens zu verändern, hingegen schon. Ein Beispiel, über das ich mich immer wieder ärgere und das mir da sofort in den Sinn gekommen ist, ist die Übersetzung von „Jon Snow“ zu „Jon Schnee“ in „Game of Thrones.

    Liebe Grüße
    Sophia

    1. Hallo Sophia,

      genau so sehe ich das auch. Wobei es bei John Snow ja tatsächlich um die Bedeutung des Nachnamens geht. Bastarde aus dem Norden haben schließlich alle den Nachnamen Snow/Schnee, der für die Kälte des Nordens steht. In Highgarden (dt.: Rosengarten) haben Bastarde den Nachnamen Flowers/Blumen und es gibt noch einige mehr dieser Namen in den einzelnen Provinzen (Stone, Hill, Waters, Storm, Sand,…). In diesem Fall hat der Name tatsächlich diese Bedeutung und ist sowas wie ein notdürftiger Ersatz, weil man den Bastarden nicht den Namen des Hauses geben möchte. Daher stört mich in diesem Fall auch die Übersetzung nicht so sehr (wobei natürlich John Snow schon einen anderen Klang hat, als John Schnee. Aber immerhin behält man wenigstens den Vornamen bei und übersetzt den nicht auch noch als „Johannes“, „Hans“ oder dergleichen). Hans Schnee, was für eine grausame Vorstellung…

      Der Name Arlen Bales ist hingegen tatsächlich nicht als „Strohballen“ gedacht. Dem Namen kommt keine weitere Bedeutung zu, wie es in GoT der Fall ist. Eine Übersetzung ist daher für mich überhaupt nicht zu rechtfertigen. Es gibt im Übrigen noch weitere solche Missgriffe in Peter V. Bretts Dämonenzyklus: Leesha Paper wird zu Leesha Papiermacher, Renna Tanner wird zu Renna Gerber, Rojer Inn wird zu Rojer Schenk (wenigstens nicht zu „Rojer Gasthaus“) und auch die Orte sind vielfach eingedeutscht. Tibbets Brook wird zum Beispiel zu Tibbets Bach.

      Obwohl ich Englischlehrer bin, bin ich kein sonderlich großer Freund von Anglizismen, aber die englischen Namen klingen ungleich besser, als irgendwelche seltsamen, unwürdigen Übersetzungen.

      Liebe Grüße
      Jay

      1. Hey Jay,

        du hast natürlich recht, dass „Jon Schnee“ natürlich eine Bedeutung vermitteln soll. Ich denke aber, dass die allermeisten Personen der angesprochenen Zielgruppe durchaus in der Lage sind, „Snow“ mit „Schnee“ zu übersetzen und selbst wenn nicht finde nicht nicht, dass der Geschichte oder dem Charakter dadurch etwas Essenzielles verloren geht.
        Auch wenn ich wie du eigentlich kein großer Fan von Anglizismen bin, finde ich sparsame Übersetzungen, die nur das, was zum Verständnis absolut notwendig ist, in die andere Sprache übertragen viel besser. In modernen Jugendbüchern sehe ich es zum Beispiel auch immer häufiger, dass Zitate, Songtexte, Gedichte oder Slang gar nicht mehr übersetzt wird, da der Wortlaut doch sehr anders wäre und man davon ausgeht, dass die Zielgruppe das (wenn es aus dem Englischen kommt) trotzdem versteht.

        Liebe Grüße
        Sophia

        1. Hey Sophia,

          ja, Du hast in der Beziehung recht, dass die englischen Ausdrücke tatsächlich klangvoller sind. Bei Namen ist es mir oft lieber, wenn sie nicht übersetzt werden. Hab ich ja auch geschrieben.
          Danke nochmal für Deine Rückmeldung. 🙂

          Liebe Grüße
          Jay

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