4. April 2020

The Silence (Endzeitroman) von Tim Lebbon

Tim Lebbon: The Silence, Hardcover, Buchheim Verlag, 2019

Als eine Forschergruppe in Moldawien ein seit Millionen Jahren verschlossenes Höhlensystem öffnet, öffnet sie auch die Büchse der Pandora. Das Ereignis bringt die bekannte Welt an den Rand des Abgrunds, denn in den dunklen Höhlen leben die Vesps, blinde fliegende Kreaturen, die gelernt haben nur mit Hilfe ihres Gehörs zu jagen. Aus ihrem Gefängnis befreit verbreiten sich die gefräßigen Monster innerhalb von nur wenigen Tagen über ganz Europa, stürzen sich in Schwärmen auf Menschen und Tiere und töten alles, was auch nur den geringsten Laut von sich gibt.
Zu schreien, ja sogar zu flüstern bedeutet für alle den sicheren Tod.

Die 14-jährige Ally ist nach einem schweren Autounfall taub und lebt seither ihr Leben in völliger Stille. Im Internet sammelt sie alle Informationen über die Schwärme der Vesps, um einen Weg zu finden sie zu bekämpfen und macht sich mit ihrer Familie von Südengland aus auf den Weg nach Norden, auf der Suche nach einem Zufluchtsort. Ally weiß, Stille ist die einzige Chance den sich rasend schnell verbreitenden Vesps zu entkommen. Als die Schwärme schließlich Großbritannien erreichen, scheint die Lage hoffnungslos und schon bald wird die Welt nie mehr so sein, wie sie einst war.

Titel: The Silence Autor: Tim Lebbon Verlag: Buchheim Verlag Seitenzahl: 408 Genre: Endzeitroman Alter: 16+ Erste Aufl.: 16. Mai 2019 Ausgaben: Hardcover, E-Book ISBN: 978-3946330080 (HC) Sonstiges: Es ist eine auf 777 Exemplare limitierte, farbig illustrierte Vorzugsausgabe erhältlich.

Über den Autor von The Silence

Tim Lebbon wurde am 28. Juli 1969 in London geboren und lebte bis zu seinem achten Lebensjahr in Devon. Dann zog er nach Newport um, wo er bis zu seinem 26. Lebensjahr wohnte. Inzwischen lebt und schreibt Tim Lebbon in Goytre Monmouthshire mit seiner Frau und zwei Kindern. Sein Buch The Silence wurde verfilmt und am 10. April 2019 auf Netflix veröffentlicht.

Meine Meinung zu The Silence

Bei einem Streifzug durch verschiedene Bücherblogs bin ich auf das Buch The Silence von Tim Lebbon gestoßen. Als Fan guter Endzeitromane war es für mich klar, dass ich das Buch unbedingt lesen musste und habe meine Entscheidung zu keiner Sekunde bereut. Der Autor baut eine spannende, aber auch bedrückende Atmosphäre auf, was mich als Leser öfter veranlasste darüber nachzudenken, wie eine solche, offenbar ausweglose Geschichte eigentlich zu einem für die Leser erfüllenden Ende kommen kann? Aber der Reihe nach.

Die Geschichte beginnt zunächst ganz entspannt mit der Vorstellung der Protagonisten. Ally ist ein taubes Mädchen, das mit ihrer Familie in Südengland lebt. Wir lernen ihre Eltern kennen, die Großmutter, ihren kleinen Bruder und ihren Hund Otis, der ihr im Alltag eine Stütze ist. Ally ist nicht von Geburt an taub gewesen, sondern hat einen schweren Autounfall hinter sich, bei dem sie ihre Großeltern verlor. Ally verständigt sich seither per Zeichensprache und liest auch von den Lippen ab, was für die Handlung noch wichtig wird.
Die Familie kommt durchweg sympathisch herüber und man spürt ihre Liebe zueinander, auch wenn es hin und wieder kleine Reibereien zwischen Bruder und Schwester gibt. Dass es keine zusätzliche separate Liebesgeschichte für Ally gibt, fand ich gut, denn Tim Lebbon konzentriert sich damit ausschließlich auf die Beziehungen und Gefühle der Familienmitglieder untereinander, die im Buch einen sehr großen Raum einnehmen, wobei alle Personen angenehm „normal“ bleiben. Die Welt ist für Allys Familie nicht perfekt, aber sie ist heil genug, sodass man zu den einzelnen Familienmitgliedern schnell eine emotionale Beziehung aufbauen kann. Dass diese heile Welt unglaublich schnell aus den Fugen gerät und unwiederbringlich verloren scheint, macht einen Großteil der Dramatik des Buches aus.
Mit der Öffnung der Höhlen in Moldawien gerät nicht nur Allys Welt schnell aus den Fugen. Die Invasion ganzer Schwärme der gefräßigen und tödlichen Vesps stürzt ganz Europa ins Chaos. Die Kreaturen verbreiten sich schnell, vermehren sich noch schneller und als Leser fragt man sich schon frühzeitig, wie die Geschichte denn eigentlich enden soll? Ally verfolgt die Ereignisse auf ihrem iPad über das Internet und hält damit die Leser auf dem Laufenden, was woanders in der Welt passiert. Kurze Blogbeiträge und Twitter-Nachrichten am Anfang der einzelnen Kapitel geben einen Eindruck von den Schicksalen und Beobachtungen anderer Menschen, ohne dadurch den Fokus zu sehr von Allys Familie zu nehmen. Das fand ich gut gelöst. Die Flucht vor den Vesps wird jedoch auch in der Familie ihren Tribut fordern.

Tim Lebbon: The Silence, Vorzugsausgabe, Buchheim Verlag, 2019
Tim Lebbon: The Silence, Vorzugsausgabe, Buchheim Verlag, 2019

Die Handlung beginnt mit einer niedrigen Spannungskurve, die jedoch innerhalb weniger Kapitel recht schnell ansteigt. Und obwohl die Vesps für die Familie erst in der zweiten Hälfte des Buches körperlich präsent werden, schafft es Lebbon schon während der dramatischen Flucht eine dichte Atmosphäre aufzubauen, welche dem Leser die allgemeine Verzweiflung spüren lässt. Zwar wird relativ schnell klar, dass die Vesps mit ihrem Gehör jagen, allerdings bleiben weitere Erkenntnisse unbestätigt und im Dunkeln. Allys Verbindung zum Internet bringt viele Gerüchte zutage, die sich allerdings schwer überprüfen lassen und zeigt somit auch den eigentlich geringen Nutzen der Sozialen Medien während der Krise, als die Panik um sich greift. Kann man den Meldungen der Regierung noch trauen? Zeigt der verzweifelte Kampf des Militärs gegen die Invasoren überhaupt eine Wirkung? Vieles bleibt im Dunkeln und trägt damit zusätzlich zur Verunsicherung bei. Die Lage scheint völlig aussichtslos und reduziert die Ziele der Menschen auf den puren Willen zu überleben, ganz gleich wie und mit welchen Mitteln.
Richtig spannend wird es schließlich mit der Ankunft der Vesps, denn alles, was Geräusche verursacht kann ab da für die Menschen tödlich sein. Doch nicht nur die Vesps sind eine Bedrohung für die Menschen. Auch bestätigt sich Ciceros Zitat, wonach der Mensch oft selbst sein größter Feind wäre. Ist die gesellschaftliche Ordnung im Land erstmal zusammengebrochen, sind Gesetze und Regeln außer Kraft, dann regieren das Chaos und das Recht des Stärkeren. Auch Allys Familie wird diese Gefahr spüren, wann immer sie auf Fremde trifft. Sie können eigentlich nur noch sich selbst vertrauen. Dass die Vesps nicht nur Menschen töten, sondern auch alle Tiere, die einen Laut von sich geben, hat zudem massive Auswirkungen auf das Ökosystem. Wer das Buch liest und weiterdenkt, wird schnell zu der Erkenntnis kommen, dass die Welt nie wieder so sein kann, wie sie ursprünglich war. Diese vielen Aspekte verdeutlichen die Dramatik und die Ausweglosigkeit der Situation und tragen zur düsteren Atmosphäre des Buches bei, die nur erhellt wird von kleinen Erfolgen der Familie auf ihrer Flucht nach Norden.

Der Blickwinkel auf die Ereignisse wechselt regelmäßig zwischen Ally und ihrem Vater Huw, was gut gelöst war, da beide die Veränderungen in ihrem Umfeld auf unterschiedliche Weise sehen. Huw, der erfahrene Erwachsene, der seine Kinder über alles liebt, sie verzweifelt vor allen Gefahren beschützen möchte und dabei oft selbst an seine Grenzen kommt. Ally, die durch ihre Taubheit schon sehr selbstständige Teenagerin, die ihren eigenen Beitrag zum Zusammenhalt der Familie leisten will, die sich viele Gedanken über die Zukunft der Menschheit macht und die auch sieht, wie die Ereignisse auch ihren jüngeren Bruder verändern.

Der Schluss des Buches lässt die Leser nachdenklich zurück. Da er recht offen ist und auch die Spannungskurve stark abfällt, lässt der Autor genug Raum für Spekulationen und eigene Gedanken. Ich denke, alles andere wäre der Atmosphäre des Buches auch nicht gerecht geworden. Die Welt hat sich verändert und wird nie wieder so sein, wie sie einmal war. Das ist die Botschaft, die bleibt. Gleichzeitig wäre das Ende auch ein Anknüpfungspunkt für eine Fortsetzung, die aber hoffentlich nie kommen wird. Mir gefällt der Schluss, so wie er ist.

Mein Fazit

4.5 von 5 Sternen „Gut und ansprechend geschrieben.“

The Silence ist ein Endzeitroman, wie man ihn sich nur wünschen kann. Atmosphärisch dicht und fesselnd, mit interessanten Charakteren, eine von Beginn an glaubwürdige Hintergrundgeschichte und mit einigen Überraschungen für den Leser. Die Handlung ist spannend und abwechslungsreich ohne zu irgendeiner Zeit kitschig zu wirken. Ich habe das Buch innerhalb von zwei Tagen gelesen und meine Erwartungen wurden nicht enttäuscht. Wer Endzeitromane mag, kommt an The Silence eigentlich nicht vorbei.

Mein herzlicher Dank gilt dem Buchheim Verlag für das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

Jay

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