18. September 2026

Lyneham von Nils Westerboer

Nils Westerboer: Lyneham, Taschenbuchausgabe, Hobbit-Presse/Klett-Cotta, 2025

Henry Meadows wird zwölf, als die Erde stirbt. Mit seinem Vater und seinen Geschwistern reist er nach Perm, einem urzeitlichen Mond in einem fernen Sonnensystem. Henrys Mutter ist mit einem anderen Raumschiff geflogen. Sie wird von der Familie sehnsüchtig erwartet. Doch plötzlich mehren sich die Zeichen: Sie ist schon hier gewesen, vor langer Zeit. Und sie hat eine Warnung hinterlassen.

Mit Hightech trotzt die erste und einzige Kolonie der Menschheit der Natur des Mondes Perm, die faszinierend und bedrohlich zugleich ist. Hier gibt es Berge, die in den Weltraum ragen, zwei Arten von Nächten und eine gefährliche, unsichtbare Tierwelt. Als Henry ankommt, ist die neue Heimat noch nicht „fertig“: Die Atmosphäre ist giftig und enthält zu wenig Sauerstoff, ohne Schutz ist ein Aufenthalt im Freien tödlich.

Irgendetwas hat das Terraforming Perms verhindert. Henrys Mutter Mildred kennt den Grund. Die Wissenschaftlerin hat sich entschieden, nicht mit ihren Kindern zu fliegen, sondern einen neuen Antrieb abzuwarten, mit dem sie ihre Familie um Jahrtausende überholt. Sie will für die bestmögliche aller Welten sorgen. Dazu legt sie sich mit dem mächtigen Leiter des Unternehmens an, der ein anderes Ziel verfolgt. Ein Kampf entbrennt, der über das Leben von Henry und seiner Familie entscheiden wird – viele tausend Jahre später.

TitelLyneham
AutorNils Westerboer
Seiten496
GenreScience-Fiction
Erschienen15.03.2025
AusgabenTaschenbuch, Hörbuch, E-Book
ISBN978-3608987232

Über den Autor von Lyneham

Nils Westerboer wurde am 25. Januar 1978 in Gaildorf (Baden-Württemberg) geboren. Er studierte Medienwissenschaften, Germanistik und Evangelische Theologie in München und arbeitet seit 2012 als Lehrer für Deutsch, Religion und Medienkunde an einer Gemeinschaftsschule in Jena. 2014 veröffentlichte er seinen Debütroman Kernschatten und später seine bekannten Romane Athos 2643 (2022) und Lyneham (2025). Seine drei Romane wurden für verschiedene Preise nominiert und auch ausgezeichnet. Unter anderem gewann Lyneham den SERAPH 2026 als bestes Buch. (Quelle: Wikipedia)

Lyneham: Eine fremde Welt voller Möglichkeiten

Manchmal gibt es Bücher, auf die man sich lange freut. Lyneham von Nils Westerboer war für mich genau so ein Roman. Das Cover weckte sofort meine Neugier, und auch die Inhaltsbeschreibung versprach genau die Art von Science-Fiction, die ich gerne lese: eine fremde Welt, philosophische Fragestellungen und die Frage, wie sich der Mensch in einer völlig neuen Umgebung behaupten kann.

Schon nach den ersten Kapiteln wurde deutlich, dass Westerboer einen anderen Weg einschlägt als viele klassische Science-Fiction-Autoren. Perm ist keine leicht zugängliche Kulisse, sondern eine Welt mit eigenen physikalischen Gesetzen, ungewöhnlichen Landschaften und einer Natur, die sich konsequent jeder Vertrautheit entzieht. Das verdient Respekt. Der Autor beweist viel Fantasie und den Mut, wirklich etwas Eigenständiges zu erschaffen. Leider wurde genau diese große Stärke für mich gleichzeitig zur größten Hürde des Romans.

Wenn die Vorstellungskraft an ihre Grenzen stößt

Beim Lesen hatte ich immer wieder das Gefühl, dass Nils Westerboer Perm ganz genau vor Augen hatte. Mir gelang es jedoch nie, dieses Bild vollständig mit ihm zu teilen. Die Beschreibungen der Landschaften, der Schwerkraft und der Lebensbedingungen sind außergewöhnlich detailliert. Dennoch blieb vieles für mich abstrakt. Immer wieder musste ich Passagen erneut lesen, weil ich nicht sicher war, ob ich mir das Beschriebene überhaupt richtig vorstellte. Statt nach und nach in die Welt einzutauchen, kämpfte ich häufig damit, sie überhaupt zu begreifen.

Besonders schwierig empfand ich die Vielzahl geografischer Bezeichnungen. Ebenen, Gebirge und andere Landschaftsformen werden regelmäßig erwähnt und spielen für die Handlung durchaus eine Rolle. Ich habe den Roman als E-Book gelesen. Zwar enthält die Printausgabe offenbar Karten von Perm, doch im E-Book erwiesen sie sich nur eingeschränkt als Hilfe, da häufiges Zurückblättern den Lesefluss spürbar unterbricht. Die Folge war, dass viele Orte für mich Namen blieben, ohne sich zu einem klaren räumlichen Gesamtbild zusammenzufügen. Eine Karte kann Orientierung geben – sie ersetzt jedoch nicht das Gefühl, eine Welt vor dem inneren Auge entstehen zu sehen. Genau dieses Gefühl stellte sich bei mir leider nie vollständig ein.

Große Fragen, die zum Nachdenken anregen

Dabei besitzt Lyneham genau die Art von Themen, die gute Science-Fiction auszeichnen.

Im Mittelpunkt steht nicht nur die Erkundung einer fremden Welt, sondern auch eine Frage, die weit über den Roman hinausweist: Darf der Mensch eine neue Welt nach seinen eigenen Vorstellungen formen, oder muss er lernen, sich an sie anzupassen? Gerade dieser Konflikt verleiht der Geschichte ihre philosophische Tiefe. Westerboer beschäftigt sich mit Verantwortung, Anpassung, Fortschritt und den Grenzen menschlichen Handelns. Es sind Fragen, auf die es keine einfachen Antworten gibt – und genau deshalb haben sie mich interessiert.

Mein Problem war jedoch, dass ich einen großen Teil meiner Aufmerksamkeit darauf verwenden musste, Perm und seine Besonderheiten überhaupt zu verstehen. Dadurch blieb für mich erstaunlich wenig Raum, mich intensiver auf diese moralischen und philosophischen Überlegungen einzulassen. Ich war oft mehr damit beschäftigt, die Welt zu entschlüsseln, als über das nachzudenken, was sie eigentlich erzählen möchte.

Zwischen Alltag und Orientierung

Die Geschichte begleitet vor allem Henry Meadows und seine Familie, wechselt jedoch regelmäßig zur Wissenschaftlerin Mildred Meadows, deren Handlungsstrang auf einer anderen Zeitebene spielt. Grundsätzlich sorgt dieser Perspektivwechsel für Abwechslung und eröffnet unterschiedliche Blickwinkel auf die Ereignisse. Allerdings trugen die wechselnden Zeitebenen bei mir gelegentlich eher zur Verwirrung als zur Orientierung bei. Da einzelne Figuren über sehr lange Zeiträume hinweg präsent bleiben, fiel es mir nicht immer leicht, die zeitliche Einordnung sofort nachzuvollziehen.

Hinzu kommt, dass Westerboer sich viel Zeit für den Alltag seiner Figuren nimmt. Das ist nachvollziehbar, denn gerade dadurch soll Perm als lebendige Welt erfahrbar werden. Gleichzeitig fehlte mir über weite Strecken ein klar erkennbares Ziel der Handlung. Ich wusste häufig nicht, worauf der Roman eigentlich hinauswill und welche Richtung die Geschichte einschlagen möchte. Das nahm dem Spannungsbogen für mein Empfinden einiges von seiner Kraft.

Auch die geheimnisvolle Anomalie, die immer wieder als Bedrohung für die menschlichen Siedler erwähnt wird, bleibt bis zum Schluss weitgehend rätselhaft. Manche Leser werden gerade diese Offenheit reizvoll finden. Bei mir verstärkte sie jedoch den Eindruck, dass einige interessante Ideen eher angedeutet als konsequent weiterentwickelt werden.

Figuren auf Distanz

Mit den Figuren ging es mir ähnlich wie mit der Welt von Perm. Obwohl Westerboer ihnen viel Raum gibt und ihren Alltag ausführlich schildert, wollte sich bei mir keine wirkliche emotionale Bindung einstellen.

Henry, Mildred und die übrigen Charaktere begleiten den Leser über viele Seiten hinweg. Trotzdem hatte ich oft das Gefühl, sie eher zu beobachten als mit ihnen zu fühlen. Vielleicht lag das auch an der insgesamt sehr ruhigen und reflektierten Erzählweise, die bewusst auf große emotionale Ausbrüche verzichtet. Dadurch blieb der Roman für mich auf einer gewissen Distanz. Ich verstand die Figuren, doch sie berührten mich nur selten.

Viel Bewunderung, wenig Sog

Je länger ich über Lyneham nachdenke, desto deutlicher wird mir, dass ich den Roman mehr bewundert als erlebt habe. Nils Westerboer beweist eindrucksvoll, wie viel Fantasie und wissenschaftliche Vorstellungskraft in moderner deutscher Science-Fiction stecken können. Perm gehört zweifellos zu den ungewöhnlichsten Welten, die ich seit Langem kennengelernt habe. Gerade deshalb fällt es mir schwer, den Roman einfach negativ zu bewerten. Und dennoch konnte mich die Geschichte nie wirklich fesseln. Vielleicht lag es daran, dass ich den gesamten Roman über versuchte zu verstehen, anstatt mich treiben zu lassen. Vielleicht auch daran, dass die faszinierende Welt Perm für mich nie vollständig lebendig wurde.

Mein Fazit zu Lyneham

3 von 5 Sternen
„Blieb leider hinter meinen Erwartungen zurück. Und ja, ich musste mich durchquälen.“

Lyneham ist ein anspruchsvoller Science-Fiction-Roman voller origineller Ideen und großer philosophischer Fragen. Nils Westerboer entwirft mit Perm eine außergewöhnliche Welt, die sich wohltuend von vertrauten Genre-Konventionen abhebt. Gerade Leserinnen und Leser, die komplexes Worldbuilding und intellektuelle Science-Fiction schätzen, könnten hier eine faszinierende Entdeckung machen.

Mich persönlich konnte der Roman jedoch nicht vollständig erreichen. Nicht, weil seine Ideen zu anspruchsvoll gewesen wären, sondern weil ich nie das Gefühl hatte, wirklich Teil dieser fremden Welt zu werden. Zu viel meiner Aufmerksamkeit floss in den Versuch, Perm zu verstehen. Dadurch blieb für mich sowohl die emotionale Bindung zu den Figuren als auch der philosophische Kern der Geschichte häufig hinter seinem eigentlichen Potenzial zurück.

Vielleicht beschreibt genau das mein Leseerlebnis am besten: Lyneham ist für mich kein misslungener Roman, sondern ein Roman, dessen außergewöhnliche Ideen ich bewundert habe, ohne sie jemals wirklich erleben zu können.

Jay


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6 Gedanken zu “Lyneham von Nils Westerboer

  1. Schönen guten Morgen Jay!

    Das finde ich wirklich extrem schade!
    Gerade wie du beschreibst, dass die Welt hier so völlig abstrakt ist und komplett fernab unserer eigenen Vorstellungen: das verdient definitiv Respekt für den Autor, und ich konnte mich da tatsächlich so irgendwie auch reinfinden. Ich hab sicher nicht alles verstanden, aber das kenne ich auch aus Fantasywelten *lach* Ich muss nicht alles bis ins Detail verstehen, sondern fühlen können – was bei dir leider nicht der Fall war.
    Ich konnte mich hier komplett verlieren auf diesem fremden Planeten und fand so genial, wie er beschreibt wie anders andere Welten sein können und eben nicht so wie unsere Erde.
    Auch die Figuren und wohin es führt, das alles blieb für mich auch mit vielen Fragezeichen bestückt, führte aber für mich eher zur Spannung und nicht zur Distanz.

    Schade!

    Liebste Grüße, Aleshanee

    1. Hallo Aleshanee,
      ich fand auch, dass der Autor viele gute Ideen hatte und dass es im super gelungen ist, eine wirklich völlig fremdartige Welt zu erschaffen. Mein Problem war mit der Zeit, dass es mir schwer fiel mich in dieser Welt zu orientieren. Das lag in erster Linie daran, dass ich das Buch als E-Book gelesen habe und keine Karte vorliegen hatte, an der ich mich irgendwie orientieren konnte. Es ist mir auch sehr schwer gefallen, eine Verbindung zu den Protagonisten zu finden. Auch wenn Nils Westerboer mit Lyneham eine handwerklich sehr gute Leistung erbrachte (einen SERAPH bekommt man nicht einfach so nachgeschmissen), konnte mich das Buch aus irgendwelchen Gründen nicht packen. Als ich angefangen habe es zu lesen, habe ich zwei bis drei Tage dafür eingeplant. Letztendlich war ich über 8 Wochen damit beschäftigt… Schade, denn ich hatte das anders erwartet. Aber da sieht man mal wieder, wie unterschiedlich die Eindrücke sind. Ich freue mich, dass Die Lyneham gefallen hat.

      Liebe Grüße
      Jay

      1. Die Orientierung fand ich dort ja auch nicht wirklich einfach. Aber alles, was ich nicht verstanden habe bzw. mit meinem Verstand nicht begreifen konnte, hab ich erstmal „auf die Seite gelegt“. Manchmal verstehe ich was nicht, oder weiß es nicht mehr, oder habs vergessen – das passiert mir bei Fantasywelten leider auch – aber da hab ich schon lange aufgehört hin- und her zu blättern oder mir den Kopf zu zerbrechen.
        Ich kann das tatsächlich meist einfach so hinnehmen wie es geschrieben steht 🙂

        Trotzdem hab ich mir die Welt mit der Zeit doch vorstellen können, auch wenn ich vieles nicht verstanden hab.

        Ja, echt schade, wenn man dann auch so lange hinliest und nicht so vorankommt, dann frustriert das auch.

        1. Ja, leider gibt es immer wieder Bücher mit denen ich einfach nicht so recht warm werde. Ich bin dann aber oft so, dass ich trotzdem versuche sie zu beenden, wenn es nicht wirklich für mich unlesbar ist, weil es unlogisch ist oder stilistisch einfach nur schlecht.

          1. Ja das kenne ich. Das ist bei mir ganz unterschiedlich – manche breche ich ab und andere nicht. Meistens hält mich dann irgendwas, aber auch das ist sehr unterschiedlich 😀 Je nachdem.

            „Kernschatten“ von dem Autor hatte mir z. B. leider gar nicht gefallen. Athos 2643 fand ich gut – und Lyneham hat dann das Krönchen bekommen ^^

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