
Henry Meadows wird zwölf, als die Erde stirbt. Mit seinem Vater und seinen Geschwistern reist er nach Perm, einem urzeitlichen Mond in einem fernen Sonnensystem. Henrys Mutter ist mit einem anderen Raumschiff geflogen. Sie wird von der Familie sehnsüchtig erwartet. Doch plötzlich mehren sich die Zeichen: Sie ist schon hier gewesen, vor langer Zeit. Und sie hat eine Warnung hinterlassen.
Mit Hightech trotzt die erste und einzige Kolonie der Menschheit der Natur des Mondes Perm, die faszinierend und bedrohlich zugleich ist. Hier gibt es Berge, die in den Weltraum ragen, zwei Arten von Nächten und eine gefährliche, unsichtbare Tierwelt. Als Henry ankommt, ist die neue Heimat noch nicht „fertig“: Die Atmosphäre ist giftig und enthält zu wenig Sauerstoff, ohne Schutz ist ein Aufenthalt im Freien tödlich.
Irgendetwas hat das Terraforming Perms verhindert. Henrys Mutter Mildred kennt den Grund. Die Wissenschaftlerin hat sich entschieden, nicht mit ihren Kindern zu fliegen, sondern einen neuen Antrieb abzuwarten, mit dem sie ihre Familie um Jahrtausende überholt. Sie will für die bestmögliche aller Welten sorgen. Dazu legt sie sich mit dem mächtigen Leiter des Unternehmens an, der ein anderes Ziel verfolgt. Ein Kampf entbrennt, der über das Leben von Henry und seiner Familie entscheiden wird – viele tausend Jahre später.
Über den Autor von Lyneham
Nils Westerboer wurde am 25. Januar 1978 in Gaildorf (Baden-Württemberg) geboren. Er studierte Medienwissenschaften, Germanistik und Evangelische Theologie in München und arbeitet seit 2012 als Lehrer für Deutsch, Religion und Medienkunde an einer Gemeinschaftsschule in Jena. 2014 veröffentlichte er seinen Debütroman Kernschatten und später seine bekannten Romane Athos 2643 (2022) und Lyneham (2025). Seine drei Romane wurden für verschiedene Preise nominiert und auch ausgezeichnet. Unter anderem gewann Lyneham den SERAPH 2026 als bestes Buch. (Quelle: Wikipedia)
Lyneham: Eine fremde Welt voller Möglichkeiten
Manchmal gibt es Bücher, auf die man sich lange freut. Lyneham von Nils Westerboer war für mich genau so ein Roman. Das Cover weckte sofort meine Neugier, und auch die Inhaltsbeschreibung versprach genau die Art von Science-Fiction, die ich gerne lese: eine fremde Welt, philosophische Fragestellungen und die Frage, wie sich der Mensch in einer völlig neuen Umgebung behaupten kann.
Schon nach den ersten Kapiteln wurde deutlich, dass Westerboer einen anderen Weg einschlägt als viele klassische Science-Fiction-Autoren. Perm ist keine leicht zugängliche Kulisse, sondern eine Welt mit eigenen physikalischen Gesetzen, ungewöhnlichen Landschaften und einer Natur, die sich konsequent jeder Vertrautheit entzieht. Das verdient Respekt. Der Autor beweist viel Fantasie und den Mut, wirklich etwas Eigenständiges zu erschaffen. Leider wurde genau diese große Stärke für mich gleichzeitig zur größten Hürde des Romans.
Wenn die Vorstellungskraft an ihre Grenzen stößt
Beim Lesen hatte ich immer wieder das Gefühl, dass Nils Westerboer Perm ganz genau vor Augen hatte. Mir gelang es jedoch nie, dieses Bild vollständig mit ihm zu teilen. Die Beschreibungen der Landschaften, der Schwerkraft und der Lebensbedingungen sind außergewöhnlich detailliert. Dennoch blieb vieles für mich abstrakt. Immer wieder musste ich Passagen erneut lesen, weil ich nicht sicher war, ob ich mir das Beschriebene überhaupt richtig vorstellte. Statt nach und nach in die Welt einzutauchen, kämpfte ich häufig damit, sie überhaupt zu begreifen.
Besonders schwierig empfand ich die Vielzahl geografischer Bezeichnungen. Ebenen, Gebirge und andere Landschaftsformen werden regelmäßig erwähnt und spielen für die Handlung durchaus eine Rolle. Ich habe den Roman als E-Book gelesen. Zwar enthält die Printausgabe offenbar Karten von Perm, doch im E-Book erwiesen sie sich nur eingeschränkt als Hilfe, da häufiges Zurückblättern den Lesefluss spürbar unterbricht. Die Folge war, dass viele Orte für mich Namen blieben, ohne sich zu einem klaren räumlichen Gesamtbild zusammenzufügen. Eine Karte kann Orientierung geben – sie ersetzt jedoch nicht das Gefühl, eine Welt vor dem inneren Auge entstehen zu sehen. Genau dieses Gefühl stellte sich bei mir leider nie vollständig ein.
Große Fragen, die zum Nachdenken anregen
Dabei besitzt Lyneham genau die Art von Themen, die gute Science-Fiction auszeichnen.
Im Mittelpunkt steht nicht nur die Erkundung einer fremden Welt, sondern auch eine Frage, die weit über den Roman hinausweist: Darf der Mensch eine neue Welt nach seinen eigenen Vorstellungen formen, oder muss er lernen, sich an sie anzupassen? Gerade dieser Konflikt verleiht der Geschichte ihre philosophische Tiefe. Westerboer beschäftigt sich mit Verantwortung, Anpassung, Fortschritt und den Grenzen menschlichen Handelns. Es sind Fragen, auf die es keine einfachen Antworten gibt – und genau deshalb haben sie mich interessiert.
Mein Problem war jedoch, dass ich einen großen Teil meiner Aufmerksamkeit darauf verwenden musste, Perm und seine Besonderheiten überhaupt zu verstehen. Dadurch blieb für mich erstaunlich wenig Raum, mich intensiver auf diese moralischen und philosophischen Überlegungen einzulassen. Ich war oft mehr damit beschäftigt, die Welt zu entschlüsseln, als über das nachzudenken, was sie eigentlich erzählen möchte.
Zwischen Alltag und Orientierung
Die Geschichte begleitet vor allem Henry Meadows und seine Familie, wechselt jedoch regelmäßig zur Wissenschaftlerin Mildred Meadows, deren Handlungsstrang auf einer anderen Zeitebene spielt. Grundsätzlich sorgt dieser Perspektivwechsel für Abwechslung und eröffnet unterschiedliche Blickwinkel auf die Ereignisse. Allerdings trugen die wechselnden Zeitebenen bei mir gelegentlich eher zur Verwirrung als zur Orientierung bei. Da einzelne Figuren über sehr lange Zeiträume hinweg präsent bleiben, fiel es mir nicht immer leicht, die zeitliche Einordnung sofort nachzuvollziehen.
Hinzu kommt, dass Westerboer sich viel Zeit für den Alltag seiner Figuren nimmt. Das ist nachvollziehbar, denn gerade dadurch soll Perm als lebendige Welt erfahrbar werden. Gleichzeitig fehlte mir über weite Strecken ein klar erkennbares Ziel der Handlung. Ich wusste häufig nicht, worauf der Roman eigentlich hinauswill und welche Richtung die Geschichte einschlagen möchte. Das nahm dem Spannungsbogen für mein Empfinden einiges von seiner Kraft.
Auch die geheimnisvolle Anomalie, die immer wieder als Bedrohung für die menschlichen Siedler erwähnt wird, bleibt bis zum Schluss weitgehend rätselhaft. Manche Leser werden gerade diese Offenheit reizvoll finden. Bei mir verstärkte sie jedoch den Eindruck, dass einige interessante Ideen eher angedeutet als konsequent weiterentwickelt werden.
Figuren auf Distanz
Mit den Figuren ging es mir ähnlich wie mit der Welt von Perm. Obwohl Westerboer ihnen viel Raum gibt und ihren Alltag ausführlich schildert, wollte sich bei mir keine wirkliche emotionale Bindung einstellen.
Henry, Mildred und die übrigen Charaktere begleiten den Leser über viele Seiten hinweg. Trotzdem hatte ich oft das Gefühl, sie eher zu beobachten als mit ihnen zu fühlen. Vielleicht lag das auch an der insgesamt sehr ruhigen und reflektierten Erzählweise, die bewusst auf große emotionale Ausbrüche verzichtet. Dadurch blieb der Roman für mich auf einer gewissen Distanz. Ich verstand die Figuren, doch sie berührten mich nur selten.
Viel Bewunderung, wenig Sog
Je länger ich über Lyneham nachdenke, desto deutlicher wird mir, dass ich den Roman mehr bewundert als erlebt habe. Nils Westerboer beweist eindrucksvoll, wie viel Fantasie und wissenschaftliche Vorstellungskraft in moderner deutscher Science-Fiction stecken können. Perm gehört zweifellos zu den ungewöhnlichsten Welten, die ich seit Langem kennengelernt habe. Gerade deshalb fällt es mir schwer, den Roman einfach negativ zu bewerten. Und dennoch konnte mich die Geschichte nie wirklich fesseln. Vielleicht lag es daran, dass ich den gesamten Roman über versuchte zu verstehen, anstatt mich treiben zu lassen. Vielleicht auch daran, dass die faszinierende Welt Perm für mich nie vollständig lebendig wurde.
Mein Fazit zu Lyneham

„Blieb leider hinter meinen Erwartungen zurück. Und ja, ich musste mich durchquälen.“
Lyneham ist ein anspruchsvoller Science-Fiction-Roman voller origineller Ideen und großer philosophischer Fragen. Nils Westerboer entwirft mit Perm eine außergewöhnliche Welt, die sich wohltuend von vertrauten Genre-Konventionen abhebt. Gerade Leserinnen und Leser, die komplexes Worldbuilding und intellektuelle Science-Fiction schätzen, könnten hier eine faszinierende Entdeckung machen.
Mich persönlich konnte der Roman jedoch nicht vollständig erreichen. Nicht, weil seine Ideen zu anspruchsvoll gewesen wären, sondern weil ich nie das Gefühl hatte, wirklich Teil dieser fremden Welt zu werden. Zu viel meiner Aufmerksamkeit floss in den Versuch, Perm zu verstehen. Dadurch blieb für mich sowohl die emotionale Bindung zu den Figuren als auch der philosophische Kern der Geschichte häufig hinter seinem eigentlichen Potenzial zurück.
Vielleicht beschreibt genau das mein Leseerlebnis am besten: Lyneham ist für mich kein misslungener Roman, sondern ein Roman, dessen außergewöhnliche Ideen ich bewundert habe, ohne sie jemals wirklich erleben zu können.
Jay
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