
„Wie weit würdest du gehen, um zu überleben?“
Ein Jahr nach dem Ausbruch einer verheerenden Pandemie finden Robert, seine Kinder Hanna und Alexander sowie Sarah Zuflucht in einer Burggemeinschaft. Doch das Schicksal ist unbarmherzig: Wasser wird zur Mangelware und eine feindliche Gruppe belagert die Festung. Um dem drohenden Tod zu entgehen, müssen die Bewohner fliehen. Während sich Hanna, Alexander und Robert auf ihrer Flucht gemeinsam durch eine sterbende Welt kämpfen, muss Sarah auf sich allein gestellt ihre größten Ängste besiegen. Denn sie ist nicht die Einzige, die überleben will. Und sie alle werden von einem neuen, unsichtbaren Feind bedroht … (Covertext)
Über den Autor Oliver Pätzold
Oliver Pätzold ist das Pseudonym des deutschen Schriftstellers Andreas Otter. Geboren wurde er am Fuße der Alpen, heute lebt er im südlichen Bayern. Er arbeitet seit vielen Jahren in sozialen Einrichtungen mit Kindern und Jugendlichen, aber auch mit Erwachsenen mit psychischen Erkrankungen. Unter dem Namen Oliver Pätzold veröffentlicht er vor allem dystopische Thriller und Endzeitromane, während er unter seinem bürgerlichen Namen historische Romane schreibt. Im Mittelpunkt seiner Bücher steht weniger die Katastrophe selbst als vielmehr die Frage, was mit Menschen geschieht, wenn die vertraute Ordnung zusammenbricht. Seine Geschichten verbinden Spannung mit gesellschaftlichen und moralischen Fragestellungen und laden dazu ein, über das menschliche Verhalten in Extremsituationen nachzudenken. Zu seinen bekanntesten Werken zählen die zweiteilige Endzeitreihe Die Letzten (Zerfall und Verlust), außerdem Katastrophen- und Zukunftsthriller wie Mathilda, 30 Tage, Die letzten Tage Sodoms, Die Helios-Apokalypse und Esomenia. Sein erklärtes Ziel ist es, Geschichten zu schreiben, die ihre Leser emotional berühren und sie in andere Welten entführen.
Wenn selbst Sicherheit nicht mehr sicher ist
Nach Die Letzten – Zerfall war ich gespannt, wie Oliver Pätzold seine Geschichte fortsetzen würde. Der erste Band hatte mich vor allem durch seine gesellschaftlichen Fragen überzeugt: Was geschieht mit Menschen, wenn die staatliche Ordnung verschwindet? Wie schnell verändern sich Moral und Vertrauen, wenn plötzlich jeder ums eigene Überleben kämpfen muss?
Mit Die Letzten – Verlust schlägt Pätzold einen etwas anderen Weg ein. Die gesellschaftlichen Fragen des ersten Bandes bleiben zwar bestehen, doch sie stehen diesmal nicht mehr so deutlich im Mittelpunkt. Stattdessen konzentriert sich der Autor stärker auf seine Figuren, ihre Erlebnisse und die psychischen Folgen dessen, was sie durchgemacht haben. Und vor allem ist der zweite Band eines: spannend.
Sicherheit ist eine Illusion
Am Ende des ersten Bandes schien für die Protagonisten endlich ein wenig Sicherheit gefunden zu sein. Doch wie sicher kann eine Gemeinschaft in einer Welt sein, in der von außen ständig neue Gefahren drohen?
Genau hier setzt Pätzold an. Die Gemeinschaft, in der Robert, Hanna, Alexander und die anderen zunächst Zuflucht gefunden haben, gerät unter zunehmenden Druck.

Wasser und Lebensmittel werden knapp, und plötzlich verändern sich auch die Menschen, die bisher für eine vergleichsweise soziale und gemäßigte Ordnung standen.
Das fand ich interessant, weil Pätzold damit einen Gedanken aus dem ersten Band konsequent weiterführt: Eine funktionierende Gemeinschaft ist nicht automatisch eine gute Gemeinschaft. Sie bleibt es nur so lange, wie die äußeren Bedingungen das zulassen. Unter ausreichend starkem Druck können selbst Menschen, die zunächst vernünftig und sozial handeln, beginnen, Regeln durchzusetzen, die immer weniger mit dem zu tun haben, was sie ursprünglich erreichen wollten. Die vermeintliche Sicherheit erweist sich damit als ausgesprochen zerbrechlich.
Zwei Wege durch eine zerfallende Welt
Nach den Ereignissen in der Burg teilt sich die Handlung im Wesentlichen in zwei Stränge. Während Robert, Hanna und Alexander versuchen, ihren Weg fortzusetzen, ist Sarah auf sich allein gestellt. Diese Aufteilung hat mir gut gefallen, weil sie die Geschichte immer wieder aus unterschiedlichen Perspektiven auf die postapokalyptische Welt blicken lässt. Beide Gruppen müssen sich durch eine Landschaft bewegen, in der die vertraute Gesellschaft längst nicht mehr existiert. Sie treffen auf Menschen, denen sie vertrauen können – und auf solche, bei denen genau das ein fataler Fehler wäre.
Gleichzeitig entsteht dadurch eine ganz eigene Spannung: Die Leser wissen mehr über die jeweils andere Gruppe als die Figuren selbst. Man weiß, dass Menschen gesucht werden, die möglicherweise ganz in der Nähe sind, und wartet darauf, ob sie sich irgendwann wiederfinden werden. Der Autor macht daraus keinen künstlich komplizierten Plot. Vielmehr entsteht die Spannung aus der einfachen Frage: Werden sie sich wiederfinden? Und genau diese Frage hat mich über weite Strecken durch den Roman getragen.
Sarah – ein Mensch am Rand des Abgrunds
Am stärksten ist für mich jedoch Sarahs Entwicklung. Sie war bereits im ersten Band eine Figur, die Schreckliches erleben musste. In Verlust zeigt Pätzold sehr eindringlich, welche Spuren diese Erfahrungen hinterlassen haben. Sarah ist kein unbeschwertes junges Mädchen mehr, das einfach versucht, in einer gefährlichen Welt zu überleben. Sie ist zutiefst misstrauisch geworden und überzeugt davon, dass sie letztlich nur sich selbst vertrauen kann.

Besonders eindringlich fand ich, wie der Autor ihren inneren Zustand beschreibt. Sarah kämpft nicht nur gegen äußere Gefahren. Sie kämpft gleichzeitig gegen ihre eigenen Erinnerungen, Ängste und Schuldgefühle. Immer wieder stellt sich die Frage, wie viel ein Mensch ertragen kann, bevor er selbst daran zerbricht. Dabei ist Sarah keineswegs schwach. Ganz im Gegenteil. Sie ist unglaublich zäh, entschlossen und bereit, sich zu verteidigen. Doch ihre Stärke hat einen Preis. Sie hat gelernt, niemandem zu vertrauen, und genau diese Überzeugung droht ihr irgendwann selbst zum Verhängnis zu werden.
Ich habe Sarahs Entwicklung deshalb mit besonderem Interesse verfolgt. Sie ist für mich eine der interessantesten Figuren der Reihe, gerade weil sie so widersprüchlich ist: gebrochen und gleichzeitig unglaublich stark, misstrauisch und dennoch auf der Suche nach menschlicher Nähe.
Die unsichtbare Gefahr
Eine weitere Bedrohung spielt in Die Letzten – Verlust durch die radioaktive Verseuchung eine Rolle. Nach einer Reaktorkatastrophe im nahegelegenen Kernkraftwerk Gundremmingen wird die Strahlung zu einer zusätzlichen Gefahr und trägt dazu bei, dass Menschen ihre bisherigen Zufluchtsorte verlassen müssen. Für meinen Geschmack bleibt dieser Aspekt allerdings etwas unausgereift. Pätzold deutet hier auch eine kritische Haltung zur Kernenergie an, ohne die technischen und tatsächlichen Hintergründe ausreichend zu beleuchten. Da die radioaktive Bedrohung im weiteren Verlauf ohnehin eher eine Nebenrolle spielt, wirkte dieser Teil auf mich etwas aufgesetzt.
Der Zerfall geht weiter
Auch der Titel Verlust passt gut zu diesem zweiten Teil. Die Figuren haben bereits im ersten Band viel verloren – Sicherheit, vertraute Menschen und die Welt, in der sie einmal gelebt haben. Nun kommen weitere Verluste hinzu. Oliver Pätzold zeigt dabei, dass in einer postapokalyptischen Welt nicht nur die großen Katastrophen tödlich sein können. Manchmal reicht ein medizinisches Problem, das unter normalen Umständen kaum Anlass zur Sorge geben würde. Wenn Ärzte, Medikamente und Krankenhäuser fehlen, können selbst alltägliche Krankheiten plötzlich über Leben und Tod entscheiden. Das macht die Welt des Romans glaubwürdig und erinnert den Leser immer wieder daran, wie viele Selbstverständlichkeiten unsere heutige Gesellschaft für uns bereithält.
Ein echter Pageturner
Während Zerfall für mich stärker von seinen gesellschaftlichen Überlegungen lebte, ist Die Letzten – Verlust vor allem ein spannender Roman. Besonders in der zweiten Hälfte nimmt das Tempo deutlich zu. Die verschiedenen Handlungsstränge werden immer enger miteinander verknüpft, die Gefahren nehmen zu und irgendwann wollte ich einfach wissen, wie es weitergeht. Die letzten Abschnitte habe ich regelrecht verschlungen. Dabei hatte ich nie das Gefühl, dass Pätzold seine Figuren nur von einer Actionszene zur nächsten hetzt. Die Spannung entsteht vielmehr aus ihrer Situation und aus der Ungewissheit darüber, was als Nächstes passieren wird. Gerade weil mir die Figuren aus dem ersten Band inzwischen vertraut waren, war mir ihr Schicksal nicht gleichgültig.
Mein Fazit zu Die Letzten – Verlust

„Ein spannender Pageturner.“
Die Letzten – Verlust ist für mich eine gelungene Fortsetzung, die den Schwerpunkt gegenüber dem ersten Band etwas verschiebt. Die großen gesellschaftlichen Fragen, die Zerfall aufgeworfen hat, werden nicht völlig verlassen, aber Pätzold stellt diesmal weniger neue Fragen. Stattdessen interessiert ihn stärker, was der Zusammenbruch der alten Welt mit den Menschen macht, die darin weiterleben müssen. Besonders Sarahs Entwicklung hat mich dabei beschäftigt. Ihre Geschichte zeigt, dass eine Katastrophe nicht einfach vorbei ist, wenn die unmittelbare Gefahr vorübergeht. Manche Erlebnisse bleiben im Menschen bestehen und verändern ihn.
Gleichzeitig ist Verlust vor allem ein spannender Pageturner. Ich habe mich gut unterhalten gefühlt und wollte insbesondere in der zweiten Hälfte immer weiterlesen. Pätzold gelingt es, seine Figuren glaubwürdig durch eine Welt zu führen, in der Sicherheit längst zu einem seltenen Gut geworden ist. Für mich ist Verlust deshalb weniger eine Fortsetzung der gesellschaftlichen Analyse aus Zerfall als deren emotionale Konsequenz: Der Zusammenbruch der alten Welt ist geschehen – jetzt muss der Mensch mit den Folgen leben.
Jay
Ich möchte mich an dieser Stelle bei Oliver Pätzold für das kostenlos zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar bedanken und ich freue mich auf weitere Bücher von ihm.
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