
Jungen lassen im finnischen Wald einen Staat mit Grenzen, Gesetzen und einer Armee erstehen – Matara. Sie patrouillieren, tragen Schwerter, führen Krieg und haben Gesetze. Zwei Brüder verbringen ihren Sommer in dieser selbst erschaffenen und doch so realen Welt.
Wir Leser werden in die Kindheit zurückführt und spüren wieder, wie groß und unendlich alles war.
„Er bewegte sich in einem Bogen über den Bewuchs, der nackte und schmutzige Fuß, selbstbestimmt und losgelöst von dem kleinen Bruder, den es fast nicht gab … das strohblonde Haar, das Gesicht verkratzt und mit Kohle geschwärzt, zu ernst für einen Jungen, seine Art, den Kopf zu drehen und zu lauschen, wie ein Vogel. Vor ihm blieb der große Bruder mitten im Schritt stehen und horchte…“
Matara ist 2021 in Finnland erschienen und gehörte dort zu den am meisten besprochenen Büchern des Jahres. Es wurde unter anderem für den Finlandia-Preis nominiert – den wichtigsten Literaturpreis des Landes. (Quelle: Karl Rauch Verlag)
Zum Autor von Matara
Matias Riikonen wurde 1989 in Helsinki (Finnland) geboren und wuchs zusammen mit anderen Kindern in einem bewaldeten Vorort der finnischen Hauptstadt auf. Dort bauten sie im Spiel gemeinsam riesige Lager und gründeten gar fiktive Staaten. Er sagte selbst in einem Interview, dass diese Spiele so komplex gewesen seien, dass Erwachsene sie heute kaum glauben würden. Die Erlebnisse aus seiner Kindheit sind die Basis für seinen Roman Matara. Später studierte Matias Riikonen finnische Literatur an der Universität in Helsinki und veröffentlichte seit 2012 fünf Bücher, die für mehrere Preise nominiert und für die er auch ausgezeichnet wurde. (Quelle: Helsinki Literary Agency)
Wann hört ein Spiel auf, nur ein Spiel zu sein?
Warum halten wir uns an Regeln, wenn niemand hinsieht? Weil wir Angst vor Strafe haben? Oder weil wir sie irgendwann so sehr verinnerlicht haben, dass wir sie gar nicht mehr infrage stellen?
Über diese Fragen habe ich beim Lesen von Matara erstaunlich oft nachgedacht. Matias Riikonen erzählt auf den ersten Blick „nur“ die Geschichte einer Gruppe Jungen, die sich in den Wäldern Finnlands einen eigenen Staat erschafft. Doch je weiter der Roman voranschreitet, desto deutlicher wurde mir, dass Matara weit mehr ist als ein Abenteuerroman über spielende Kinder. Es ist ein Roman über die Grundlagen menschlichen Zusammenlebens.

Wenn aus Fantasie Wirklichkeit wird
Matara ist ein Staat, der sich lose an der römischen Antike orientiert. Die Jungen erschaffen sich eine eigene Geschichte, eigene Gesetze, eine Hierarchie und ein gemeinsames Selbstverständnis. Sie verleihen ihrer Welt Struktur, ohne dass Erwachsene ihnen sagen müssten, wie sie auszusehen hat. Was mich dabei am meisten beeindruckt hat, war jedoch nicht der Einfallsreichtum dieser Welt.
Es war ihre Glaubwürdigkeit.
Schon nach wenigen Kapiteln hatte ich nicht mehr das Gefühl, Kindern beim Spielen zuzusehen. Vielmehr beobachtete ich eine Gemeinschaft, die ihre eigene Wirklichkeit erschaffen hatte. Die Regeln Mataras werden nicht ständig erklärt oder diskutiert. Sie sind einfach da – und alle akzeptieren sie. Nicht widerwillig, sondern selbstverständlich. Vielleicht liegt genau darin die größte Stärke dieses Romans.
Warum funktioniert Matara?
Je länger ich las, desto häufiger stellte ich mir dieselbe Frage: Warum funktioniert dieser Staat eigentlich so gut?
Die Antwort überraschte mich. Nicht, weil seine Gesetze besonders ausgeklügelt wären. Sondern weil die Jungen sie ernst nehmen. Immer wieder geraten Figuren in Situationen, in denen sie sich problemlos über die Regeln hinwegsetzen könnten. Doch genau das geschieht nicht. Niemand muss sie kontrollieren. Niemand muss sie daran erinnern. Die Regeln gelten, weil alle beschlossen haben, dass sie gelten. Und plötzlich wurde mir bewusst, dass Riikonen hier gar nicht nur von Kindern erzählt. Er erzählt von uns.
Denn auch unsere Gesellschaft funktioniert letztlich nur deshalb, weil wir gemeinsam akzeptieren, dass Gesetze, Grenzen, Ämter oder Institutionen Bedeutung besitzen. Erst unser gemeinsamer Glaube daran macht sie wirklich. Genau dadurch wurde Matara für mich weit mehr als eine Geschichte über spielende Jungen.
Ein Naturroman, der Bilder entstehen lässt

Was mich mindestens genauso begeistert hat, ist Riikonens schon fast poetische Sprache. Selten habe ich einen Roman gelesen, der Landschaften so intensiv beschreibt. Wälder, Moose, Gräser, Käfer, Pflanzen – alles wird mit einer Liebe zum Detail geschildert, die nie beliebig wirkt. Besonders beeindruckt haben mich die immer wiederkehrenden Beschreibungen des Schleichens durch den Wald. Der kleine Bruder und der große Bruder bewegen sich mit einer Vorsicht, als hinge ihr Leben davon ab.
Riikonen beschreibt sogar das langsame Aufsetzen eines Fußes so genau, dass daraus beinahe eine eigene Kunstform wird.
Der Fuß sank in die Erde, erst der Außenballen, dann der Innenballen, spürte einen Zweig und erstarrte wie ein Tier, suchte sich eine andere Stelle und sank in die Erde, Außenballen, Innenballen und Ferse, die Blätter des letzten Sommers raschelten, und der Fuß hob sich.
Matias Riikonen: Matara, Karl Rauch Verlag, 2024, Seite 11
Diese Naturbeschreibungen erfüllen jedoch einen wichtigen Zweck. Sie machen den Wald nicht zur Kulisse, sondern zu einem Teil Mataras. Grenzen verlaufen nicht auf Karten, sondern zwischen Bäumen, Lichtungen und Felsen. Der Wald wird Heimat, Schlachtfeld und Zufluchtsort zugleich. Vielleicht fühlt sich Matara gerade deshalb so glaubwürdig an.
Beobachten statt urteilen

Beim Lesen wollte ich mich erstaunlicherweise gar nicht in die Figuren hineinversetzen. Ich fühlte mich vielmehr wie ein Naturforscher oder Ethnologe, der einer fremden Kultur über die Schulter schaut. Der Erzähler erklärt erstaunlich wenig. Stattdessen begleitet er vor allem den kleinen und den großen Bruder durch ihren Alltag in Matara. Durch ihre Gespräche und Erlebnisse erschließen sich dem Leser nach und nach die Regeln dieses ungewöhnlichen Staates.
Vielleicht wirkt der Roman gerade deshalb so authentisch. Riikonen hat den Rahmen seiner Geschichte nicht frei erfunden. Der Staat Matara geht auf ein Rollenspiel zurück, das er mit Freunden als Kind über mehrere Sommer hinweg tatsächlich gespielt hat. Das spürt man auf jeder Seite. Nichts wirkt künstlich oder konstruiert. Vielmehr entsteht der Eindruck, als beobachte man eine Gemeinschaft, die ihre eigene Kultur ganz selbstverständlich entwickelt hat.
Ruhig erzählt – und dennoch voller Spannung
Matara ist kein Roman, der seine Leser mit permanenten Wendungen oder Action fesseln möchte. Das Erzähltempo bleibt ruhig und beinahe meditativ. Und doch wollte ich ständig weiterlesen. Nicht, weil ich wissen musste, welches große Geheimnis am Ende wartet, sondern weil ich neugierig war, welche Facette dieses außergewöhnlichen Romans ich als Nächstes entdecken würde. Immer wieder verlassen der kleine und der große Bruder ihre vertraute Umgebung und begeben sich in unbekanntes Gebiet. Allein diese Wege durch den Wald erzeugen eine Spannung, die nie laut werden muss. Hinter jedem Baum könnte etwas Unbekanntes warten. Gerade diese leise Spannung hat mich bis zur letzten Seite getragen.
Das Ende möchte ich bewusst nicht näher beschreiben. Nur so viel: Es gehört für mich zu den schönsten und stimmigsten Romanabschlüssen, die ich seit Langem gelesen habe. Es wirkt leise, poetisch und bleibt dem Geist des gesamten Romans treu. Noch Tage nach dem Lesen musste ich darüber nachdenken, denn Matara ist ein Roman, der lange nachhallt.
Mein Fazit zu Matara

„Ein außergewöhnlicher Roman, der lange nachhallt.“
Matara ist kein Roman für Leser, die ein hohes Erzähltempo oder spektakuläre Wendungen erwarten. Wer sich jedoch auf Riikonens ruhige Sprache und seine außergewöhnliche Beobachtungsgabe einlässt, entdeckt ein Buch, das sich kaum mit anderen vergleichen lässt. Mich hat vor allem fasziniert, wie selbstverständlich die Jungen ihren Staat erschaffen – und wie ernst sie ihn nehmen. Riikonen erzählt dabei nicht nur von Kindheit, sondern von den Grundlagen jeder Gesellschaft: von Regeln, Gemeinschaft, Macht, Verantwortung und der erstaunlichen Fähigkeit des Menschen, gemeinsam an eine Wirklichkeit zu glauben, bis sie schließlich real wird.
Ich habe als Kind selbst gern solche Rollenspiele gespielt. Beim Lesen habe ich die Jungen in den Wäldern Finnlands manchmal um diese gemeinsame Illusion beneidet. Vielleicht ist das das größte Kompliment, das ich diesem außergewöhnlichen Roman machen kann. Matara erzählt eine Geschichte über spielende Jungen – und bringt uns dabei ganz unauffällig zum Nachdenken über uns selbst. Und genau das macht Matara für mich zu einem der ungewöhnlichsten Romane, die ich seit Langem gelesen habe. Leseempfehlung!
Ich bedanke mich bei Findo von Findos Bücher für die Empfehlung des Buches und ganz herzlich beim Karl Rauch Verlag für die freundliche Überlassung eines Rezensionsexemplars.
Jay
Entdecke mehr von Bücher wie Sterne
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.





