2. April 2020

Sommer bei Nacht von Jan Costin Wagner

Sommer bei Nacht von Jan Costin Wagner, Hardcover, Galiani Verlag Berlin, 2020

Was geschieht, wenn das Unfassbare geschehen ist?
Ein Kind verschwindet. Dabei hat seine Mutter den Jungen nur für wenige Momente aus den Augen gelassen. Die Ermittlungen beginnen und schnell stößt die Polizei auf Verbindungen zu einem weiteren vermissten Jungen.
Die Ermittler Ben Neven und Christian Sandner machen sich auf die Suche nach dem fünfjährigen Jannis. Zeugen erinnern sich, dass ein Mann mit einem Teddybären auf dem Arm das Kind während des Flohmarkts in der Grundschule angesprochen hat. Schnell wird Ben und Christian klar, dass sich die schlimmsten Befürchtungen bewahrheiten. Und nicht nur das: es scheint einen direkten Zusammenhang mit der nie aufgeklärten Entführung eines weiteren Kindes in Österreich zu geben. Die beiden Polizisten stoßen auf finstere Abgründe. (Quelle: Verlagsseite www.galiani.de, Sommer bei Nacht)

Titel: Sommer bei Nacht Autor: Jan Costin Wagner Verlag: Galiani Berlin Seitenzahl: 320 Genre: Krimi Alter: 16+ Erste Aufl.: 13. Februar 2020 Ausgaben: Hardcover, E-Book, Hörbuch ISBN: 978-3869712086 (TB)

Meine Meinung zu Sommer bei Nacht

Jan Costin Wagner ist ein bekannter deutscher Krimiautor, von dem ich gelegentlich schon gehört habe. Auch wenn Krimis nicht unbedingt mein bevorzugtes Genre sind, lese ich sie doch hin und wieder gerne, wenn mir der Sinn danach steht. Wagners neuer Roman Sommer bei Nacht dreht sich um das hochbrisante Thema der Kindesentführung und des Kindesmissbrauchs und ist schon aus diesem Grund ein Buch, das die Menschen bewegt. Ein Kind zu vermissen ist sicherlich einer der schlimmsten Albträume, die Eltern haben können und der Autor spielt in seinem Buch genau mit diesen Ängsten. Doch die Gefühle der Eltern sind in Wagners neuem Roman nur einer von vielen verschiedenen Handlungssträngen. Ein solches Verbrechen hat auch Auswirkungen auf das Umfeld aller davon betroffenen Personen. Wagner richtet daher den Fokus seiner Erzählung ebenso auf die ermittelnden Polizisten und deren Familien, auf die Geschwister der Kinder und natürlich auch auf die Täter

Natürlich sind die Charaktere im Buch nicht perfekt. Auch die Polizisten, die sonst oft „die Guten“ repräsentieren, haben ihre Probleme und einer von ihnen hat auch ein dunkles Geheimnis, das vom Wesen der Täter nicht allzu weit entfernt ist und gegen das er selbst ankämpft. Mir hat es gefallen, wie Wagner jeden der vielen Beteiligten mit seinen Gedanken und Gefühlen zu Wort kommen lässt. In keinem Buch, das ich bisher gelesen habe, gibt es zudem so viele Perspektivenwechsel in vergleichsweise schneller Abfolge, wie in Sommer bei Nacht, was den Lesern einen guten Ein- und Überblick über die Geschehnisse gewährt und gleichzeitig auch ein Antrieb ist, immer weiterzulesen, weil man unbedingt wissen möchte, wie die ganze Geschichte letztlich ausgeht. Einerseits hat mir das gut gefallen, andererseits hätte ich mir manchmal etwas längere Passagen gewünscht, in denen man tiefer in den Charakter einer Person eintauchen kann. Das ist jedoch nur mein persönliches Empfinden.

Die Handlung beginnt schon aus der Perspektive des Entführers und die Spannung hätte sich dann auch langsam steigern sollen. Leider, und das ist mein erster Kritikpunkt, konnte ich von einer Spannungskurve nicht mehr allzu viel spüren. Zwar habe ich weitergelesen, jedoch weniger wegen der Spannung, als aus Interesse, wie die Geschichte denn nun enden wird, also ob das Opfer überlebt und ob die Täter gefasst werden. Das war ohne größere Längen möglich, denn der Roman hat nur 320 Seiten und ist in knapp 6 Stunden gelesen. „Spannungsgeladen“, wie der Roman angepriesen wird, ist in meinen Augen etwas anderes. Ich würde ihn eher als interessant bezeichnen, vor allem was die Charaktere des Buches betrifft. Spannend wird es jedoch zum Schluss hin, wenn das große Finale die Handlung nochmal turbulent werden lässt.

In manchen Rezensionen wird er hochgelobt. Er ist Geschmacksache. Bisweilen. Der Schreibstil. Mit dem vielleicht nicht jeder klarkommt. Zwar passt er in manchen Situationen. In anderen aber nicht. Da sind sie nur nervig. Diese kurzen Sätze. Oft sogar ohne ein Verb. So wie in diesen paar Zeilen hier. Über mehrere Seiten kann ich das kaum ertragen…
Kurzum, ich war vor allem im ersten Kapitel nicht sehr angetan von dieser ständigen Aneinanderreihung von kurzen Sätzen und Schlagworten. Es zu Lesen strengt ziemlich an und hinderte mich zum Teil noch tiefer in die Geschichte einzutauchen. Mit der Zeit ist es dann etwas besser geworden. Andere mögen diesen Stil vielleicht als „literarisch meisterhaft“ bezeichnen, für mich war es eher ein Stimmungskiller. Zugutehalten muss ich dem Autor jedoch seine überaus bildhafte Sprache und eine recht große Anzahl von Metaphern, zu denen die kurzen Sätze wieder sehr gut passten, da sie knapp Sinneseindrücke der Charaktere widerspiegeln, die kaum wahrgenommen, schon wieder verflogen sind. Mir hat das in diesem Zusammenhang wieder gut gefallen, weil es irgendwie eine unwirkliche, kaum greifbare Atmosphäre schafft. Ich weiß nicht, wie ich es anders ausdrücken soll. Somit hat auch der Stil des Autors, wie seine Protagonisten und Antagonisten, seine Licht- und Schattenseiten, was zur Stimmung des Romans beiträgt.

Ich bleibe bei den Charakteren. Auch wenn Wagner seinen Leserinnen und Lesern gute Einblicke in ihr Gefühlsleben verschafft, blieben sie für mich über weite Strecken blass und unnahbar. Ich weiß ja nicht, ob es so beabsichtigt war, aber ich konnte mich in keinen von ihnen groß hineinversetzen. Wären sie alle gestorben, ich hätte ihnen, abgesehen vielleicht von den jungen Opfern, keine einzige Träne nachgeweint. Für mich ist das leider ein entscheidender Kritikpunkt an einem Buch. Charaktere, die mich nicht für sich einnehmen können, sind für mich ein absoluter Stimmungs- und Spannungskiller, weil sie mir völlig egal sind. Daher interessiert es mich auch kaum, wie die Reihe weitergeht. Die Ideen hinter den Charakteren fand ich jedoch gut, denn es gibt für alle eine Vorgeschichte, die sich den Lesern sukzessive erschließt und auch die Beziehungen der Personen untereinander spielen eine Rolle für die Entwicklung der Handlung.

Den Schluss fand ich gut gelöst, wenn es da auch eine Sache gab, die in meinen Augen ziemlich unglaubwürdig herüberkam und die ich dem Protagonisten so nicht abnehme. Dunkle Geheimnisse hin oder her, diese Reaktion ist für einen Polizisten nicht glaubhaft und bleibt als Kritikpunkt zurück. Ich sage natürlich nicht, um was konkret es sich dabei handelt.

Mein Fazit

3 von 5 Sternen „Blieb leider hinter meinen Erwartungen zurück.“

Ich bin hin- und hergerissen. Zum einen fand ich das brisante Thema, dem sich der Autor in seinem Krimi annimmt, recht gut umgesetzt, insbesondere was die emotionale Ausgestaltung und die Einblicke in Gedanken und Wesen der Charaktere betrifft. Zum anderen haben mir der streckenweise doch recht knappe Schreibstil, die unnahbaren Charaktere und auch der zum Teil unglaubwürdige Schluss etwas die Spannung genommen, die ich mir gewünscht habe und den Lesefluss beeinträchtigt.
Da dies jedoch nur mein ganz persönliches Empfinden ist, möchte ich interessierte Leserinnen und Leser nicht abschrecken Sommer bei Nacht zu lesen. Das Buch ist, von meinen Kritikpunkten abgesehen, ein durchaus solider Roman, der Krimi-Freunde begeistern könnte.

Herzlich bedanken möchte ich mich noch beim Galiani Verlag Berlin für das E-Book zur Rezension.

Freuden von Krimis und Thrillern empfehle ich an dieser Stelle gerne noch Vanitas von Ursula Poznanski, den ich erst vor Kurzem gelesen und rezensiert habe.

Jay

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