29. Oktober 2020

Book Awards – mehr Schein als Sein?

Die heutige Montagsfrage von Antonia vom Bücherblog Lauter & Leise dreht sich um Auszeichnungen für Bücher und Autoren, den Book Awards. Was es für Film und Fernsehen gibt (Oscar, Bambi, goldene Kamera,…) oder für bedeutende Personen aus Politik und Wissenschaft (Nobelpreis), gibt es natürlich auch vielfach für Bücher, Autorinnen und Autoren. Und es gibt sie in Massen.

Neben dem Nobelpreis für Literatur, dem bekannten Pulitzer Preis, dem National Book Award (USA), dem World Fantasy Award, dem Deutschen Buchpreis und dem Deutschen Jugendliteraturpreis, nur um einige bedeutende zu nennen, gibt es in vielen Ländern Auszeichnungen, in der von einer Jury die herausragendsten Bücher geehrt werden. Für die Künstler und Autoren sind die Book Awards durchaus eine wichtige Sache, bringen sie doch mediale Aufmerksamkeit und damit kostenlose Werbung für ein Buch. Ein literarisches Werk, das der Jury gefällt und das viele Menschen kaufen, weil es ausgezeichnet wurde und weil darüber positiv berichtet wird, kann doch per se nicht schlecht sein, oder?

Ausgezeichnet bedeutet nicht immer auch ausgezeichnet

Nominiert für den National Book Award
Emily St. John Mandel: Station Eleven, UK-HC, Picador (2014)

Da ich beruflich ursprünglich aus dem Verlagsmarketing komme und ich inzwischen einige mit Preisen ausgezeichnete Bücher gelesen habe, stehe ich den verschiedenen Book Awards inzwischen äußerst kritisch gegenüber. Nicht jedes in meinen Augen herausragende Buch bekommt eine Auszeichnung und nicht jedes hochgelobte und ausgezeichnete Buch ist in meinen Augen wirklich herausragend. Leider musste ich inzwischen schon öfter feststellen, dass meine Vorstellung von guter Literatur doch recht oft von dem abweicht, was andere für preiswürdig halten. So gehört zum Beispiel Emily St John Mandels hochgelobter dystopischer Roman Station Eleven (Das Licht der letzten Tage) zu den langweiligsten und in meinen Augen schlechtesten dystopischen Romanen, die ich in den letzten sieben Jahren gelesen hab. Anfangs noch vielversprechend, musste ich mich schließlich nur noch quälen, damit ich ihn überhaupt beenden konnte und habe mich schließlich geärgert, überhaupt Geld dafür ausgegeben zu haben. Der Staubfänger war in den USA Finalist für den National Book Award 2014 und ist jetzt von mir als signierte Erstausgabe käuflich zu erwerben. Ist besser als ein Schlafmittel, wenn man abends nicht zur Ruhe kommt…

Damit wären wir wieder beim Marketing. Wäre Station Eleven nicht für den National Book Award nominiert gewesen, hätte ich den Roman vielleicht auch nicht gekauft und gelesen. Meine hohen Erwartungen an das Buch wurden in keinster Weise erfüllt. Book Awards sind Marketinginstrumente, die uns Verbrauchern helfen können, gute Bücher zu entdecken, die jedoch nicht immer zuverlässig sind. Bei Büchern ist das auch nicht verwunderlich, denn die Geschmäcker der Leserinnen und Leser sind oft so unterschiedlich, wie es Bücher auf dem Planeten gibt.

Book Awards spiegeln den Zeitgeist wider

Wenn man sich die Nominierungen der Jugendjury für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2020 ansieht, dann kann man deutlich erkennen, welche Themen Jugendliche bewegen (oder besser: was die Jury glaubt, womit sie Jugendliche, dem Zeitgeist folgend, bewegen müssen). Von den sechs Büchern behandeln zwei das Thema Flucht und Vertreibung (Junge ohne Namen, Über die Berge und über das Meer), ein Buch das Thema Klimawandel (Dry), ein Buch die Todesstrafe (Wer ist Edward Moon?) und ein Buch Rassismus (Bus 57). Vielleicht sind das ja alles gute Bücher, aber man muss sich schon die Frage stellen, ob diese Bücher nun aufgrund ihres einzigartigen Schreibstils, ihrer vielschichtigen Charaktere und Charakterbeziehungen, ihrer packenden Handlung oder tiefgründiger Einsichten nominiert wurden oder wegen ihrer aktuellen Thematik? Ein Jugendbuch, das den Klimawandel thematisiert? Aber gerne doch, allerdings fand ich Dry von Neal & Jarrod Shusterman eher durchschnittlich. Die Handlung ist vorhersehbar und gespickt mit Klischees, die Charaktere handeln selten dämlich und unüberlegt, zudem sind sie nervig und ich konnte keinen Draht zu ihnen finden und die Hintergrundgeschichte wirkte für mich völlig an den Haaren herbeigezogen. Das Buch ist halbwegs spannend, mehr aber auch nicht.

Dry von Neal Shusterman
Neal Shusterman: Dry, T, Sauerländer, 2019

Ich habe daher den Eindruck, dass man Neal Shustermans Roman Dry vor allen Dingen wegen der aktuellen Thematik ausgewählt hat und weniger wegen der herausragenden literarischen Leistung des Autors, obwohl ich Shusterman eigentlich mag. Seine Vollendet-Reihe fand ich recht gut. Was impliziert aber dieser Eindruck im Hinblick auf die anderen nominierten Bücher der Jugendjury? Sind sie gut oder eher durchschnittlich? Wurden sie nominiert, weil sie wirklich so gut sind oder weil sie aktuelle politische Themen behandeln und der Zeitgeist es erfordert? Betrachtet man die Inhalte der Bücher und zieht man meinen Eindruck von Dry mit in Erwägung, dann tippe ich eher auf den klaren Sieg des Zeitgeistes über schriftstellerisches Können. Jammerschade, wie ich finde.

Ich werde bestimmt auch noch das eine oder andere nominierte Jugendbuch lesen und rezensieren und bin gespannt, ob mich die Leistung der Schriftstellerin oder des Schriftstellers überzeugen kann. Ich werde jedoch kein Geld dafür ausgeben, sondern versuchen mir die Bücher irgendwo zu leihen.

Wie wichtig sind mir Book Awards?

Ich sehe Book Awards inzwischen sehr kritisch. Sie können einen Hinweis auf gute Literatur geben, doch was wirklich gut ist, das entscheidet letztendlich jeder Leser und jede Leserin für sich persönlich. Für die Verlage, die Autoren und den Buchhandel sind sie wichtig, da sie helfen ein Buch in den Fokus der Medien zu rücken und die Verkaufszahlen der Bücher enorm anzuheben. Jede Marketingabteilung eines Verlags wird den Preis gerne hervorheben und nutzen. Ein mit einem Book Award ausgezeichnetes Buch muss jedoch nicht zwangsweise immer gut sein, was meine persönlichen Erfahrungen widerspiegelt. Äußerst kritisch sehe ich die Einflussnahme des Zeitgeists durch aktuelle politische Themen auf die inhaltliche Auswahl der nominierten Bücher, da sie die Auswahl der Inhalte einengt und nicht immer die literarische Leistung des Autors im Blick hat.

Wichtiger als Buchpreise sind für mich die vielen guten Rezensionen bei den Online-Buchhändlern und natürlich in einschlägigen Blogs. Die lohnen sich wirklich.

Jay

7 Gedanken zu “Book Awards – mehr Schein als Sein?

  1. Ich habe Mandels Roman zufällig kürzlich gelesen und fand ihn recht gut, allerdings sollte man ihn nicht als dystopischen Roman lesen, ich glaube nicht, dass sie so einen schreiben wollte. Dahingehend kann ich verstehen, dass Du ihn zäh und langweilig fandest. 🙂
    Zwar würde ich nie ein Buch kaufen, weil es einen Preis gewonnen hat, aber wenn jemand auf das Buch schreibt, es sei wie eines von Autor xyz (Robin Hobb, sind wir ehrlich), dann kann das schon mal passieren. Aber da bin ich kürzlich auch so ziemlich reingefallen, wie meistens. Also ja, man sollte lernen, auf solches Marketing nichts zu geben.
    Was die Preise anbelangt, bin ich ganz bei Dir. Ich finde es schon seit Jahren (jep, Zeitgeist hält seit vielen, vielen Jahren Einzug) schade, dass nicht Werke und ihre Umsetzung einen Preis bekommen, sondern das „Drumherum“. So ist es natürlich auch nicht schwierig, den Sieger vorauszusagen, einfach das Thema nehmen, das gerade am meisten floriert. Persönlich finde ich das sehr schade, weil das die Autoren wohl auch selbst so nicht wollen, bilde ich mir ein. Andererseits werden ja auch oft hunderte Romane zu einem solchen Preis eingereicht und keine Jury der Welt kann mir sagen, dass sie alle gelesen haben, um dann eine Shortlist festzulegen. Und dass bei einigen Preisen Kleinverlage z.B. absolut keine Chance haben, hat sich ja auch schon rumgesprochen.
    Vor einigen Jahren habe ich mal eine kleine persönliche Mini-Challenge gestartet, bei der ich alle Gewinner der vielen Jahre des World-Fantasy-Awards lesen wollte. Aber da waren teilweise Werke dabei, die ich so zäh und teilweise schlecht fand, dass mein Vorhaben dann von ganz allein eingeschlafen ist. Abgesehen davon hätte ich noch nicht erlebt, dass da mal ein Buch mit dabei gewesen wäre, das nicht in englischer Sprache vorlag; da das aber nicht alle leisten können (oder wollen), sollte das „World“ ohnehin gestrichen werden, weil es so eben nicht ist.
    Mein kleiner Pluspunkt ist, dass ich selten Bücher kaufe, solange es noch andere Möglichkeiten gibt und da ist das „Reinfallen“ nicht ganz so schlimm.

    1. Hallo Frank,

      ja, das denke ich mir. Wenn jedoch nur 5 von 100 Käufer das Buch nur wegen des Aufklebers kaufen, dann war die Marketingaktion bereits ein großer Erfolg. 🙂

      Viele Grüße
      Jay

    1. Eigentlich nicht. Mir ist das nur in diesem Jahr extrem aufgefallen, welche Themen gerade als „besonders lesenswert“ hervorgehoben wurden. Damit drängt sich unweigerlich der Eindruck auf, dass mit den nominierten Büchern eine bestimmte gesellschaftspolitische Meinung transportiert werden soll und das widert mich an. Nicht die Themen an sich, sondern dass hier der Preis instrumentalisiert wird. Das alles geht einher mit dem ganzen Genderwahn, der so weit gekommen ist, dass inzwischen Bücher umgeschrieben werden, weil Begrifflichkeiten nicht mehr in unsere Zeit passen. Das geht meines Erachtens überhaupt nicht. Ich könnte mich darüber Stunden aufregen.

      Jay

  2. Hallo Jay,

    da kann ich gleich voll einsteigen. Ich kenne keine literarische Auszeichnung, die offen zugibt, politisch beeinflusst zu sein. Das ist meiner Meinung nach der größte Unsinn, den die gesamte Buchbranche zu bieten hat. Dein Beispiel mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ist da ebenso passend wie der Literaturnobelpreis, der sich seit Jahrzehnten mit Händen und Füßen dagegen wehrt, als politisch wahrgenommen zu werden, obwohl beinahe alle Preisträger_innen der vergangenen Jahrhunderte politisch engagiert waren und ihr Engagement selbstverständlich in ihre Werke einfloss. Aber das will natürlich niemand zugeben. Mich ärgert das wahnsinnig, weil ich das Gefühl habe, für dumm verkauft zu werden und der Wert der nominierten Bücher dadurch in Frage gestellt wird. Wenn man sich fragen muss, wieso ein Buch nominiert wird, ob der Zeitgeist entscheidender war als die literarische Qualität (die ja ohnehin nicht messbar ist), was sagt das dann noch aus?
    Diese Probelmatiken hinsichtlich des Nominierungs- und Auswahlprozesses sind allerdings nur ein Faktor von vielen, die mich zu dem Schluss führen, dass literarische Auszeichnungen im Großen und Ganzen wenig relevant für durchschnittliche Leser_innen sind. Wenn es nach mir ginge: schafft den Quatsch ab. Alle künstlerischen Auszeichnungen.

    Montagsfrage auf dem wortmagieblog
    Liebe Grüße,
    Elli

    1. Hallo Elli,

      ich stimme dir in allen Punkten zu. Ich verfolge ja sonst nicht gerade die Nominierungen für den Deutschen Buchpreis und den Jugendliteraturpreis. Wegen Corona und weil die Leipziger Buchmesse im März entfallen ist (dort werden die Bücher für den Jugendliteraturpreis nominiert), habe ich mich damit einmal näher befasst und mir ist die Themensetzung der Bücher insbesondere bei der Jugendjury extrem aufgefallen. Flucht, Vertreibung, Rassismus und Klimawandel sind die Themen von vier der sechs nominierten Bücher. Da will man mir erzählen, das sei nicht politisch beeinflusst und dem Zeitgeist geschuldet? Ich fühle mich verarscht. Nach der Lektüre von „Dry“ bin ich überzeugt, dass hierbei nicht die schriftstellerische Leistung zählt, sondern einzig die Thematik. Am liebsten würde ich der Jugendjury die Bücher um die Ohren hauen. Und dann soll mir mal einer erzählen, die „Jugendjury“ wäre nicht beeinflusst von der Meinung Erwachsener, denen genau diese Themen perfekt in die politische Agenda passen. Vielleicht mache ich mir mal die Mühe und vergleiche die Nominierungen der vergangenen Jahre mit den wichtigsten politischen Themen jener Zeit. Ich bin überzeugt, dass sich dieser „Zeitgeist“ wie ein roter Faden durch sämtliche Preisverleihungen zieht.

      Viele Grüße
      Jay

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