Einst war die Rückseite der Wirklichkeit ein sicherer Ort …

Als die Brüder Leo und Felix nach einem Streit mit ihren Eltern aus der Welt gerissen werden, finden sie sich plötzlich allein auf einem gewaltigen Schiff in tiefster Nacht wieder. Die verwinkelten Korridore scheinen verlassen, doch schon bald müssen sie feststellen, dass grausame Monster das Schiff beherrschen und Hunderte Kinder und Jugendliche versklavt haben. Und immer noch wissen Leo und Felix nicht, wie sie eigentlich hierhergelangt sind, auf die Rückseite der Wirklichkeit. Eine Reise voller Schrecken beginnt, auf der sich die beiden gemeinsam mit neuen Freunden dem Grauen und der Finsternis stellen müssen, die das Schiff der verlorenen Kinder regieren – immer auf der Suche nach einem Weg zurück, heraus aus der Dunkelheit. (Quelle: Heyne Verlag)
Titel: Das Schiff der verlorenen Kinder Autor: Boris Koch Verlag: Heyne Seitenzahl: 544 Genre: Roman Alter: 16+ Erscheinungsdatum: 29. Oktober 2025 Ausgaben: Hardcover, E-Book ISBN: 978-3453275102 (HC) Sonstiges: –
Das Schiff der verlorenen Kinder – Ein Spontankauf
Das Schiff der verlorenen Kinder entdeckte ich erstmalig in einer großen Hofer Buchhandlung. Ich fand den Klappentext so überzeugend, dass ich es kurzerhand in meiner kleinen Buchhandlung bestellte. Somit gehört es zu den wenigen Büchern, die ich „auf gut Glück“ sofort kaufe, ohne mich vorher nach einer günstigen Alternative umzusehen. Oft versuche ich Bücher gebraucht oder über die Onleihe als E-Book zu bekommen, um Geld zu sparen. Wie dem auch sei, ich habe die Investition bestimmt nicht bereut. Endlich hatte ich mal wieder ein Buch, das mich wirklich bis zur letzten Seite faszinieren und auch fesseln konnte. Hier meine Eindrücke.
Die dunkle Rückseite unserer Wirklichkeit
Die Geschichte ist ebenso ungewöhnlich wie faszinierend. Auf der Rückseite unserer Wirklichkeit, fernab jeder bekannten Realität, kreuzt ein riesiges Schiff in ständiger Dunkelheit über ein endloses Nachtmeer. Nur der Vollmond spendet den wenigen, die noch an Bord ausharren, etwas Trost und Licht. Der Name des Schiffes lautet nun Seelenfänger. Einst trug es einen anderen, schöneren Namen – doch der ist längst vergessen.

Auf der Seelenfänger landen Kinder, die zu Hause nicht mehr erwünscht sind: Verstoßene und Verzweifelte, die früher auf dem Schiff Zuflucht fanden. Unter dem Kommando eines gutmütigen Kapitäns konnten sie einst frei über das Meer fahren – ohne Angst, sogar im Sonnenlicht.
Doch vor langer Zeit muss etwas geschehen sein. Heute herrschen an Bord nur noch Schrecken und Finsternis. Grauenvolle Monster, Kreaturen aus den schlimmsten Albträumen, durchstreifen die Gänge und machen Jagd auf die jungen Passagiere. Die wenigen Überlebenden fristen ihr Dasein zwischen Angst, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. Sie glauben nicht, dass die Zukunft für sie etwas anderes bereithalten könne, außer den Tod.
Als Leo und sein kleiner Bruder Felix nach einem Streit mit den Eltern auf dem Schiff auftauchen, ist die Verwirrung groß. Wie sind sie überhaupt dorthin gelangt? Haben sie selbst den Weg ausgelöst – oder wurden sie womöglich „fortgewünscht“? Und was ist das für ein Ort, der verlassen wirkt und doch so bedrohlich lebendig ist? Vor allem aber: Wie sollen sie je wieder nach Hause zurückkehren?
Kinder unter Monstern
Schon der Einstieg wirft viele Fragen auf und zieht einen sofort in das Rätsel um die Seelenfänger hinein. Boris Koch baut dabei von Beginn an eine unterschwellige, stetig wachsende Bedrohung auf. Während Leo und Felix das Schiff erkunden, werden die Geheimnisse nicht weniger – im Gegenteil: Mit jedem Schritt in die dunklen Bereiche verdichtet sich das Gefühl, dass hier etwas grundsätzlich nicht stimmt.
Erzählt wird aus der Perspektive eines allwissenden Erzählers, der Einblicke in die Gedankenwelt der Kinder erlaubt. Das verstärkt die Wirkung vieler Szenen, denn die Angst bleibt nicht bloß Kulisse, sondern wird emotional greifbar. Erst nach und nach lüften sich einige der Geheimnisse um das Schiff – gerade so viel, dass die Spannung erhalten bleibt.
Eine Gruppe, die trägt
Nicht lange, und Leo und Felix stehen nicht mehr allein da: Mit Asra und Chrissy bekommen die beiden Jungen zwei wichtige Begleiterinnen. Alle vier Figuren sind detailliert ausgearbeitet, und der Autor nimmt sich spürbar Zeit, sie glaubhaft wirken zu lassen. Ihre Ängste, Hoffnungen und Reaktionen passen zur Situation – und gerade dadurch entsteht ein hohes Maß an Spannung.
Emotionen spielen in diesem Roman eine zentrale Rolle. Die Kinder kämpfen nicht nur gegen äußere Gefahren, sondern auch gegen Albträume, Schuldgefühle und die Frage, ob es überhaupt noch einen Ausweg gibt. Gleichzeitig wird klar: Verstecken allein reicht nicht, wenn man überleben will. Freundschaft und Zusammenhalt werden zur eigentlichen Triebkraft der Handlung – und machen das Buch auch jenseits der Horror-Elemente bewegend.

Dass hier Kinder im Mittelpunkt stehen, ist dabei ein großer Pluspunkt. Ein ähnliches Szenario mit Erwachsenen hätte vermutlich nicht dieselbe Intensität entfaltet. So aber entsteht ein besonderer Mix aus Verletzlichkeit, Mut und innerem Wachstum.
Entwicklung, Magie und kleine Kritikpunkte
Besonders gelungen ist, wie sich die Figuren im Laufe der Geschichte weiterentwickeln. Das gilt vor allem für Felix, Leos jüngeren Bruder, der Kapitel für Kapitel über sich hinauswächst und schließlich einen entscheidenden Anteil daran hat, dass die Gruppe nicht zerbricht. Diese Entwicklung wirkt nachvollziehbar und gibt der Geschichte zusätzliche Tiefe.
Auch der Umgang mit Magie hat mir gefallen. Sie wirkt nicht wie ein bequemes Mittel, um Probleme zu lösen, sondern fügt sich erstaunlich stimmig in die Welt ein – eher wie eine Fähigkeit, die man mit sich trägt, ohne sie vollständig zu verstehen. Dadurch bleibt die Atmosphäre geschlossen und glaubwürdig.
Beim Schluss möchte ich aus Spoilergründen nicht zu viel sagen, aber er passt insgesamt gut zum Ton des Romans. Ein kleiner Kritikpunkt bleibt für mich, dass die Kinder ihr „Schneckenhaus“ erst relativ spät verlassen und sich mutiger der Situation stellen. Hier hätte man die Handlung stellenweise etwas straffen können.
Mein Fazit

„Ein Buch, spannend von der ersten bis zur letzten Seite.“
Das Schiff der verlorenen Kinder ist ein spannender Pageturner und eine gelungene Mischung aus Dark Fantasy mit einer Prise Horror. Die Geschichte ist atmosphärisch dicht, stellenweise sehr bedrückend, aber zugleich emotional und mitreißend. Wer düstere Settings mag, Rätsel schätzt und gern Figuren begleitet, die im Ausnahmezustand wachsen müssen, wird hier sehr wahrscheinlich lange weiterlesen – und das Buch nur schwer aus der Hand legen. Für mich war es seit langer Zeit endlich mal wieder ein buch, das mich völlig vereinnahmen konnte und von dem ich gerne noch mehr gelesen hätte. Klare Kaufempfehlung von mir!
Jay
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