23. Mai 2022

Müssen Protagonisten sympathisch sein?

Hallo zusammen und einen schönen Ostermontag Euch allen. Ich hoffe, Ihr habt eine gute Zeit und genießt die Zeit in der Sonne. Ich genieße im Moment noch die Osterferien, muss aber in den nächsten Tagen einiges an Korrekturarbeit erledigen und Bemerkungen für Zwischenberichte schreiben.

Zum Glück bleibt aber immer noch genügend Zeit für die schönen Dinge, wie Lesen und die Sonnen genießen. In einer Woche geht es dann wieder los zum Endspurt für das Schuljahr. Nur noch 60 Schultage bis zu den Sommerferien in Bayern.

Sophia von Wordworld hat über die Osterfeiertage eine Bloggerpause eingelegt, deshalb gibt es für heute auch keine aktuelle Montagsfrage von ihr. Macht aber nichts. Hier kommt trotzdem eine für Euch. Während meiner langen Leseflaute im vergangenen Jahr habe ich nämlich einige Montagsfragen nicht beantwortet. Ich finde jedoch, dass da einige recht gute mit dabei waren, die sich durchaus lohnen darüber zu schreiben. Ich bin also die Fragen der letzten Monate durchgegangen und habe auch eine gefunden, die mir wichtig ist. Hier ist also (etwas verspätet) die Montagsfrage vom 01. November 2021 (Allerheiligen) für Euch.

Stört es dich, wenn ein Buch einen unsympathischen Protagonisten hat, oder macht dir das gar nichts aus?

Eine gute Geschichte steht und fällt bei mir eigentlich immer mit den Personen. Wenn es der Autor oder die Autorin nicht schafft, mich für die Charaktere zu interessieren, dann werde ich auch nicht in die Handlung finden. Dabei müssen es jedoch nicht immer nur die Protagonisten (Hauptpersonen) einer Geschichte sein, um mich an das Buch zu fesseln. Auch ein gut und überzeugend ausgearbeiteter Antagonist (der zentrale Bösewicht) sind für mich durchaus ein Grund, ein Buch zu mögen. Abgesehen davon kann auch ein Protagonist einen ziemlich düsteren Charakter aufweisen.

Mark Lawrence: Prince of Thorns, 10th Anniversary Edition Hardback, 2022

Man denke nur an Jorg Ancrath in Mark Lawrence‘ Der Prinz der Dunkelheit. Jorg ist ein Protagonist, der mit seinen nur 14 Jahren ein größeres Potenzial an Gewaltbereitschaft vorzuweisen hat, als manch klassischer Bösewicht. Trotz seines jungen Alters führt er eine Gruppe von erwachsenen Halsabschneidern und Psychopathen von einem Gemetzel zum nächsten. Sie akzeptieren ihn als ihren Anführer. Ich mag Jorg Ancrath und seinen düsteren, vielschichtigen Charakter, weil er mich von der ersten Seite an fasziniert hat. Und er ist bestimmt kein lieber Junge und Sympathieträger. Wichtig ist in diesem Zusammenhang allerdings zu erwähnen, dass Mark Lawrence auch eine passende Hintergrundgeschichte zu Jorg liefert. Andernfalls wäre er für mich weitaus weniger glaubwürdig. Jorg wurde übrigens in Teilen von Alex, dem jungen Anführer einer Jugendgang im Buchklassiker A Clockwork Orange (1962), inspiriert.

Ich denke, dass Menschen immer wieder und gerade von bösen Charakteren fasziniert sind. Wie sonst könnte man das stetig große Interesse der Öffentlichkeit an den Taten bekannter Verbrecher erklären. Man mag sie nicht, aber man möchte mehr über sie und die Taten erfahren. Davon lebt die Boulevardpresse schließlich recht gut. Ähnlich geht es mir bei Protagonisten und Antagonisten, die aus der Reihe fallen und nicht der Norm entsprechen.

Authentizität macht einen guten Charakter aus

Ob mir nun ein Charakter sympathisch oder unsympathisch ist, ist für das Buch also nicht relevant. Viel wichtiger ist mir, dass die Charaktere authentisch sind oder zumindest so handeln, wie man es anhand ihres Charakters und Alters von ihnen erwarten könnte. Dabei gelten natürlich unterschiedliche Maßstäbe. Ein klar denkender, vernünftiger Mensch wird in einer Situation vermutlich anders reagieren und handeln, wie ein Psychopath oder jemand, der vielleicht mit seinem Leben bereits abgeschlossen hat. Charaktere, die sich nicht glaubwürdig verhalten, sind für mich der Stimmungskiller Nummer Eins in einem Buch. Dazu gehört für mich insbesondere auch die Sprache. Ein erwachsener Charakter, der immer wieder im Stil pubertierender Halbwüchsiger spricht, kommt bei mir ebenso wenig an, wie ein Kind, aus dessen Worten die Weisheit von Jahrtausenden spricht.

Ein aussagekräftiges Beispiel für eine total verkorkste Stimmung durch unglaubwürdige Charaktere und unangemessene Sprache ist der Fantasyroman Dorn von Thilo Corzilius. Die Frage also, die es zu beantworten gilt, ist: Kann ich mir vorstellen, dass es ein Mensch so sein und handeln kann oder kann ich es nicht? Beziehungsweise kann ich mir vorstellen, dass eine Person aufgrund ihrer Vorgeschichte so werden kann?

Emotionalität ist mir wichtig

Die letzte Eigenschaft, die mir bei Protagonisten und Antagonisten wichtig ist, ist die Frage, ob sie mich emotional berühren kann. Nichts Schlimmeres, als wenn mir die wichtigen Charaktere im Buch schlichtweg egal sind. Wenn es mir nicht gelingt, einen Draht zu ihnen zu finden, dann interessiert mich auch die Handlung nicht weiter. Selbst, wenn sie noch so voller guter Ideen steckt. Leider kommt das immer wieder vor. Mir sind daher vielschichtige Charaktere sehr wichtig. Ich möchte nachvollziehen können, warum ein Charakter (sei er nun gut oder böse) so handelt. Manche Autoren schaffen diese Beziehung zwischen mir und den Protagonisten/Antagonisten aufzubauen, andere schaffen es nicht. Das Buch muss deswegen für andere Leserinnen und Leser nicht schlecht sein.

Jay

6 Gedanken zu “Müssen Protagonisten sympathisch sein?

  1. Schönen guten Morgen!

    Da ich deinen Beitrag zu dem Thema so klasse fand, hab ich ihn heute direkt mal in meiner Stöberrunde verlinkt 🙂

    Ich wünsch dir ein schönes Wochenende!
    Liebste Grüße, Aleshanee

    1. Hallo Aleshanee,

      vielen Dank für den Link! Das freut mich sehr, dass Dir der Beitrag gefallen hat. 🙂

      Ich wünsche Dir auch ein schönes Wochenende.

      Liebe Grüße
      Jay

  2. Hallo Jay,

    Sympathie muss auch bei einem Antagonisten vorhanden sein. Ich verweise da auf Thomas Covenant von Stephan R. Donaldsons Zyklus um den Zweifler. Naja, eigentlich ist Covenant nur depressiv und zaudert mit sich und seinem Schicksal als Lepra-Kranken, aber gerade das macht ihn wieder sympathisch. Er schafft es auch immer wieder Hürden zu überwinden und die Welt zu „retten“. Lesenswert, allerdings nur in der ersten Ausgabe von Heyne, da war die Seitendicke noch in Ordnung. Bei der Neuausgabe ebenfalls von Heyne wurden drei Romane zusammengepackt zu einem Buch, die Seiten sind so dünn, dass man sich nicht traut das Buch überhaupt anzufassen.

    Paradebeispiel eines Anti-Helden ist Glokta aus Abercrombies Klingen-Saga. Der kommt intensiv negativ daher, wird aber im Laufe der Ereignisse immer sympathischer, er war jedenfalls mein Lieblingsdarsteller.
    Fazit: Man muss sich schon in gewisser Weise mit den Antagonisten identifizieren können, um Gefallen daran zu haben.
    Ein Antiheld ohne Sympathie ist nicht lesenswert…

    Viele Grüße

    Wolfram

  3. Hallo Jay,

    ein sehr interessantes Thema und du hast das sehr schön auf den Punkt gebracht. Ich kann da nur zustimmend nicken 🙂

    Allerdings: Mir ist aufgefallen, dass es manchmal gar nicht so schlimm ist (für mich), vor allem in Krimis, wenn ich den Figuren nicht ganz so nah komme. Also wenn das Hauptaugenmerk auf der Atmosphäre liegt – ich denke da grade an das düstere London – und die Ermittlungen im Vordergrund stehen. Natürlich muss die Tat und die psychologischen Zusammenhänge stimmen. Unlogik mag ich auf keiner Ebene ^^ Aber ob jetzt die Ermittler da so besonders herausstechen mit ihrem Charakter … das ist mir da tatsächlich nicht so wichtig.
    Unsympathisch sollten sie aber auch nicht sein. Denn bei einer Krimireihe mag ich die Ermittlerin tatsächlich nicht so gerne und finde ihre Entscheidungen immer irgendwie doof *lach* Da interessieren mich die Fortsetzungen jetzt auch nicht mehr.

    „Böse“ oder tragische Figuren mag ich. Nur strahlende Helden sind ja auch irgendwie langweilig oder?
    Erinnert mich grade an die erste Klingen Trilogie von Joe Abercrombie, kennst du die?

    Liebste Grüße, Aleshanee

    1. Hallo Aleshanee,

      klar kenne ich die Klingenreihe. Ich habe fast alle Bücher auf Englisch gelesen. Lediglich die neueste Trilogie ist bei mir noch in der Warteschleife. Habe Joe Abercrombie auch mehrmals persönlich getroffen udn finde die Bücher richtig gut.
      Ich gebe Dir recht, wenn Du sagst, dass der Charakter manchmal nicht so wichtig ist, wenn es um die Atmosphäre im Buch geht. Du hast das ja gut erklärt. Wie ich bereits geschrieben habe, er/sie muss überzeugend sein, sonst komme ich nicht in die Handlung.

      Liebe Grüße
      Jay

      1. Ich hab grade den vierten Band der Agatha Raisin Reihe gelesen (Cosy Krimi)
        Ein typisches Beispiel einer Protagonistin, die nervig ist, die naiv ist, viel zu dramatisch und eigentlich echt unsympathisch – und einem auf den Keks geht… und trotzdem ist es unterhaltsam *lach*
        Bei Cosy Krimis hab ich jetzt natürlich auch keine so hohen Anforderungen, wobei es hier teilweise schon sehr übertrieben ist und es an vielen Ecken hakt, trotzdem hat es einfach was leichtes, unterhaltsames 😀

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

%d Bloggern gefällt das: