
Fichtelgebirge, 1630. Die calvinistische Familie des jungen Johann versucht, sich eine neue Existenz in einem entlegenen Walddorf aufzubauen. Unterdessen grübelt der Junge über das Schicksal der Kinder des Ortes. Wer oder was hat zwei von ihnen getötet und wohin sind alle anderen verschwunden? War es der legendenumwobene »Wilde Jäger« – ein Wolfsmann, der im dicht bewaldeten Gebirge sein Unwesen treiben soll?
Tatsächlich schleicht ein geheimnisvolles Wesen des nachts um das Dorf. Kurz darauf trifft der Wildhüter Hildner im Ort ein – ein roher Ex-Söldner, vom Markgrafen entsandt, um in der Gegend die Sicherheit wiederherzustellen.
Als Johann den Wilden Jäger mit eigenen Augen sieht, schweißt das Wildhüter und Knaben zusammen: Gemeinsam begeben sich die beiden ungleichen Gefährten auf Spurensuche. (Quelle: tim-suenderhauf.de)
Zwischen Krieg und Aberglauben
Mit Die Wölfe unter uns entführt Tim Sünderhauf seine Leserinnen und Leser in eine düstere Epoche deutscher Geschichte. Der Roman spielt im Jahr 1630, mitten im Dreißigjährigen Krieg, und verbindet historische Ereignisse mit einer unheimlichen, fast schon mythischen Atmosphäre. Dabei gelingt es dem Autor, ein Szenario zu schaffen, in dem sich reale Bedrohungen und übernatürlich anmutende Elemente auf beklemmende Weise überlagern.
Im Mittelpunkt der Handlung steht der junge Johann, der mit seiner Familie im Fichtelgebirge Zuflucht sucht. Religiöse Spannungen und die Wirren des Krieges haben sie aus ihrer bisherigen Heimat vertrieben. Das abgelegene Dorf Albrechtsreuth, in dem sie unterkommen, scheint zunächst ein sicherer Ort zu sein – doch dieser Eindruck hält nicht lange stand. Schon bald wird deutlich, dass die Dorfgemeinschaft von Angst geprägt ist. Kinder verschwinden, andere werden tot aufgefunden, und die Bewohner flüstern von einem unheimlichen Wesen, das in den umliegenden Wäldern sein Unwesen treiben soll. Der sogenannte „Wilde Jäger“ wird zur Projektionsfläche für die Furcht der Menschen – und zugleich zu einem Symbol für das Unbekannte, das sich nicht greifen lässt.
Obwohl mir als alter Hofer, der nicht weit entfernt vom Fichtelgebirge wohnt, die meisten der Orte im Buch ein Begriff sind, handelt es sich beim Dorf Albrechtsreuth um einen fiktiven Ort. Dem Namen nach wäre es jedoch durchaus möglich, dass er vor 400 Jahren im Fichtelgebirge existiert hat.
Tim Sünderhaufs Entscheidung, die Handlung seines Romans zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges spielen zu lassen, war gut getroffen. Die Figuren sind eng mit den gesellschaftlichen und religiösen Konflikten ihrer Zeit verknüpft. Der Dreißigjährige Krieg bildet dabei nicht nur den historischen Hintergrund, sondern beeinflusst direkt das Denken und Handeln der Charaktere. Die Machtkämpfe, welche die Fürsten zu jener Zeit auf dem Schlachtfeld ausfochten, wurden im kleineren Maßstab auch auf das Dorf übertragen. Johann und seine Familie sind Calvinisten und streng gläubig, doch ihr Glaube wird in dem protestantischen Dorf schon bald zum Problem (gemacht). Hinzu kommt der Krieg vor der Haustür. Obwohl das Dorf im Fichtelgebirge sehr abgelegen ist, hängt die Gefahr ein Teil des Konflikts zu werden wie ein Damoklesschwert über der kleinen Gemeinde. Viele Städte und Dörfer wurden in jeder Zeit zerstört und die Einwohner misshandelt und getötet.
Zwei ungleiche Figuren im Zentrum der Geschichte
Ein wichtiger Protagonist ist Johann, der Sohn des neuen Müllers im Dorf. Neben Johann rückt der Wildhüter Hildner in den Fokus der Handlung. Als ehemaliger Söldner bringt er eine ganz andere Perspektive in die Geschichte ein. Er ist ein Mann, der Gewalt und Chaos aus eigener Erfahrung kennt. Hildner versucht, die Vorgänge im Dorf rational zu erklären, wohingegen Aberglaube in den Dorfbewohnern tief verwurzelt ist. Ihr Misstrauen, ihre Angst und ihr Hang zum Aberglauben verstärken die Spannung und lassen die Situation immer weiter eskalieren. Dies trägt nicht unerheblich zur dichten Atmosphäre des Buches bei.
Die Dynamik zwischen Johann und Hildner gehört zu den zentralen Elementen des Romans. Während Johann zunehmend von den Ereignissen verunsichert wird und sich von Angst und Neugier leiten lässt, bleibt Hildner zunächst distanziert und pragmatisch. Aus dieser Konstellation entwickelt sich eine spannende Beziehung, die den Fortgang der Handlung maßgeblich prägt. Johann verkörpert die Perspektive eines jungen Menschen, der versucht, sich in einer zunehmend bedrohlichen Welt zurechtzufinden. Hildner hingegen steht für Erfahrung und Pragmatismus, wird jedoch ebenfalls mit Grenzen konfrontiert, die sich nicht allein durch Vernunft erklären lassen.
Atmosphäre und Erzählstil – Zwischen Realität und Mythos
Ein wesentlicher Reiz des Romans liegt in der gelungenen Verbindung von historischen und mystischen Elementen. Sünderhauf spielt gezielt mit der Unsicherheit seiner Leser: Ist das Grauen im Wald tatsächlich übernatürlich – oder verbirgt sich dahinter eine sehr reale Bedrohung?
Diese Ambivalenz zieht sich durch die gesamte Handlung und sorgt für eine stetig ansteigende Spannung. Der Autor nutzt dabei geschickt die Ängste und den Aberglauben der damaligen Zeit, um eine Atmosphäre zu schaffen, in der das Übernatürliche stets möglich erscheint, ohne jemals eindeutig bestätigt zu werden. Darüber hinaus setzt sich der Roman mit Angst und deren Wirkung auf Gemeinschaften auseinander. Die Dorfbewohner reagieren auf die Bedrohung mit Misstrauen und Schuldzuweisungen, wodurch sich die Situation weiter zuspitzt. Der Schreibstil von Tim Sünderhauf ist geprägt von einer dichten, oft düsteren Atmosphäre. Die Beschreibungen der Landschaft und der Wälder tragen außerdem wesentlich dazu bei, ein Gefühl von Enge und Bedrohung zu erzeugen. Dadurch viel es mir auch nicht leicht, das Buch beiseite zu legen. Ich wollte wissen, wie es in Die Wölfe unter uns mit Realität und Mythos bestellt ist.
Die Handlung entfaltet sich eher ruhig und nimmt sich Zeit, die Figuren und ihre Umgebung einzuführen. Erst nach und nach zieht das Tempo an und entwickelt eine spürbare Dynamik. Diese langsame Steigerung passt gut zur Thematik des Romans, da sie die wachsende Unsicherheit der Figuren widerspiegelt. Gleichzeitig verzichtet der Autor auf übermäßige Effekthascherei und setzt stattdessen auf unterschwellige Spannung. Viele Szenen leben von Andeutungen und der Vorstellungskraft der Leser. Das hat mir sehr gut gefallen. Die besten Bilder entstehen immer noch durch die Vorstellungskraft im Kopf des Lesers.
Mein Fazit zu Die Wölfe unter uns

„Spannend und atmosphärisch tief und düster.“
Mit Die Wölfe unter uns legt Tim Sünderhauf einen atmosphärisch dichten Roman vor, der historische Realität mit mystischen Elementen verbindet. Besonders die beklemmende Stimmung und die geschickte Nutzung von Ambivalenz machen den Reiz der Geschichte aus. Der Roman richtet sich vor allem an Leserinnen und Leser, die eine ruhige, sich langsam entwickelnde Spannung schätzen und Freude an historischen Settings mit einem Hauch von Unheimlichkeit haben.
Ich fand das Buch gut gelungen. Nicht nur weil es in meiner Heimatregion spielt, sondern auch weil es mich durch Tim Sünderhaufs Schreibstil bis zur letzten Seite in den Bann ziehen konnte. Die düstere Atmosphäre und die Gratwanderung zwischen Realität und Mystik machten für mich einen Großteil der Spannung aus. Hinzu kommen die interessanten Charaktere, die sogar zum Ende hin noch Überraschungen bereithalten. Insgesamt ist Die Wölfe unter uns ein lesenswerter historischer Roman, den ich guten Gewissens empfehlen kann.
Jay
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