
Hester Marley war einst die beste KI-Trainerin des Sonnensystems, doch dann verlor sie bei einem Terroranschlag beinahe das Leben und strandete auf einer kleinen Raumstation, wo sie als Security Officer arbeitet. Als sie von einem Freund, ebenfalls ein Überlebender des Anschlags, eine kryptische Botschaft erhält und kurz danach erfährt, dass er unter ungeklärten Umständen ums Leben gekommen ist, nimmt sie die Ermittlungen auf. Sie fliegt in die abgelegene Asteroiden-Mine – und entdeckt dort ein Geheimnis, das besser in der Schwärze des Alls verborgen bleiben sollte … (Quelle: Heyne Verlag)
Titel: Dead Space Autorin: Kali Wallace Verlag: Heyne Seitenzahl: 384 Genre: Science-Fiction Erscheinungsdatum: 14.01.2026 (engl.: 02.03.2021) Reihe: Einzelband Ausgaben: Taschenbuch, E-Book ISBN: 978-3453323995 (TB) Sonstiges: –
Dead Space
Dead Space wurde zwar bereits 2021 in den USA veröffentlicht, dennoch hat es fast fünf Jahre gedauert, bis auch eine deutsche Ausgabe erschienen ist. Ich habe mir vorgenommen, künftig etwas häufiger Neuerscheinungen zu lesen, während ich gleichzeitig versuche, meinen SuB zu reduzieren – und dieses Buch war mein erster „Fang“ des Jahres. Cover und Klappentext klangen vielversprechend, also durfte Dead Space direkt einziehen.
Sci-Fi trifft Krimi – ein starkes Grundgerüst
Inhaltlich lässt sich der Roman am ehesten als Mischung aus Science-Fiction und Krimi beschreiben. Auf einer Raumstation im Außenbezirk des Sonnensystems geschieht ein Mord, der mehrere Rätsel aufwirft. Besonders mysteriös: Obwohl die Station normalerweise umfassend von einer künstlichen Intelligenz überwacht wird, existieren keinerlei Bildaufnahmen des Vorfalls.
Damit steht schnell die Frage im Raum, welches Mitglied der nur elfköpfigen Besatzung zu einer solchen Tat fähig sein könnte – und vor allem, warum. Diese Ausgangslage bietet eigentlich eine hervorragende Basis für einen spannenden Weltraum-Thriller. Leider wurden meine Erwartungen jedoch in einigen Punkten nicht erfüllt.
Zu wenig Enge, zu wenig Atmosphäre
Vertraut man dem Klappentext, erwartet einen ein „klaustrophobischer Weltraum-Thriller“. Für mich konnte der Roman dieses Versprechen allerdings nur bedingt einlösen. Dabei wären die Voraussetzungen dafür ideal: Eine Raumstation im Inneren eines kartoffelförmigen Asteroiden, der als Mine genutzt und von innen ausgehöhlt wird – das klingt nach endlosen dunklen Gängen, verwinkelten Hallen, flackerndem Licht, Stromausfällen, Erschütterungen und Geräuschen, die man nicht einordnen kann. Das Setting hätte problemlos eine beklemmende, dichte Atmosphäre tragen können. Hinzu kommt, dass die Besatzung mit elf Personen überschaubar ist und sich in einer riesigen Station nahezu verliert. Einsamkeit, Unsicherheit und das Gefühl, beobachtet zu werden, wären hier naheliegend.
Leider nutzt Kali Wallace dieses Potenzial nur selten aus. Die Spannungskurve blieb für mich in dieser Hinsicht eher flach, obwohl das Grundkonzept viele starke Ansätze bietet. Die angekündigte klaustrophobische Stimmung wollte einfach nicht richtig zu mir durchdringen. Hinzu kommt, dass es auch bedauerlich wenige Twists in der Handlung gibt, die mich hätten überraschen können.
Eine Hauptfigur, die auf Distanz bleibt
Im Zentrum steht Hester Marley, die von ihrer Firma beauftragt wird, den Tod ihres Freundes zu untersuchen. Sie arbeitet als Security Officer, ist aber eigentlich Spezialistin für künstliche Intelligenzen – ein Wissen, das ihr bei diesem Fall zugutekommt. Denn die Asteroidenmine Nimue wird von einer KI gesteuert und überwacht, die den Mord eigentlich hätte registrieren müssen. Doch ausgerechnet sie hat keinerlei Informationen darüber, und auch die Besatzung will nichts bemerkt haben.
Hester ist grundsätzlich interessant angelegt, blieb mir als Figur aber erstaunlich fremd. Obwohl ihr Charakter vielschichtig aufgebaut wird, ist es mir nicht gelungen, eine echte Bindung zu ihr aufzubauen. Ihre Vergangenheit – inklusive einer traumatischen Erfahrung und den Folgen, die sie bis in die Gegenwart begleiten – nimmt viel Raum ein und beeinflusst ihr Handeln stark. Dabei wirkte sie auf mich häufig mehr mit sich selbst beschäftigt als mit dem Fall. Auch die übrigen Figuren bleiben vergleichsweise blass. Gerade in einem Setting mit so kleiner Besatzung hätte ich mir stärkere Dynamiken, mehr Reibung und insgesamt prägnantere Charakterbeziehungen gewünscht. Schade.
Sprachliche Entscheidungen als Lesebremse
Ein Punkt, der meinen Lesefluss deutlich beeinträchtigt hat, ist eine sprachliche Entscheidung der deutschen Ausgabe: die Verwendung von Neopronomen. Solche Formen wirken im Text sehr präsent und lenken – zumindest für mich – immer wieder vom eigentlichen Geschehen ab. Statt in der Handlung zu bleiben, stolpert man über Formulierungen, die sich ungewohnt und sperrig lesen.
Hester hat eine Transfrau als Freundin, meinetwegen soll es so sein. Sie/Er heißt Ryu und wenn Hester an sie/ihn denkt, dann liest sich das so:
Sosehr ich Ryu vertrauen wollte, war mir bewusst, dass es zu riskant war. Ich kannte siem nicht allzu gut. Was siem an sieser Arbeit gefiehl, welche Art von Tratsch sier aufschnappte, wie sier über siese eigenen Witze lachte, wie sies dunkle Haar siem immer wieder in die Augen fiel – das waren die kleinen Dinge, die ich kannte, die ich während unserer gemeinsamen Zeit aufgesammelt hatte. Sier gehörte zu den ersten Leuten (…)
Kali Wallace: Dead Space, Heyne, 2026, Seite 171
Ich habe grundsätzlich nichts gegen Trans-Personen oder queere Figuren in Romanen. Gerade in einem spannungsorientierten Genre wie Thriller oder Science-Fiction empfinde ich solche Formulierungen jedoch als störend, weil sie mich immer wieder aus der Geschichte herausreißen. Aus meiner Sicht hätte es auch eine deutlich unauffälligere Lösung gegeben, um die Figur angemessen zu beschreiben, ohne den Text sprachlich so stark zu belasten. In der gewählten Form konnte ich mich an diese Pronomen leider nicht gewöhnen – und sie wurden für mich zu einem wiederkehrenden Hindernis beim Lesen.
Ein Finale mit mehr Tempo – aber ohne echten Nachhall
Positiv hervorheben möchte ich, dass das Buch im letzten Viertel deutlich an Fahrt aufnimmt. Endlich zieht die Handlung spürbar an, und die zuvor eher ruhige Erzählweise weicht einem dynamischeren Verlauf. Gleichzeitig blieb das Ende für mich etwas zu glatt. Nach den letzten Seiten hatte ich das Gefühl, dass noch etwas fehlen könnte – nicht unbedingt ein großer Twist, aber ein runderer, eindrücklicherer Abschluss. So blieb bei mir am Ende eher ein leises Ausklingen statt eines finalen Moments, der länger im Gedächtnis bleibt.
Dead Space wurde 2021 mit dem Philip K. Dieck Award ausgezeichnet. Da sieht man mal wieder, wie die Meinungen zu einem Buch auseinander gehen können.
Mein Fazit zu Dead Space

„Blieb leider recht weit hinter meinen Erwartungen zurück.“
Dead Space startet mit einer starken Prämisse: Mord in einer abgelegenen Raumstation, eine KI ohne Aufzeichnungen und eine kleine Besatzung, in der jede Person verdächtig sein könnte. Leider schöpft der Roman das atmosphärische Potenzial seines Settings für meinen Geschmack nicht konsequent aus. Auch die Figuren – allen voran die Protagonistin – blieben für mich emotional auf Distanz. Überraschende Wendungen bleiben zudem weitgehend aus.
Wer Science-Fiction mit Krimi-Elementen mag und ein eher ruhiges Erzähltempo nicht scheut, könnte dennoch Gefallen an dem Buch finden. Ich persönlich hatte mir jedoch mehr Spannung, mehr Enge und einen stärkeren Sog erhofft.
Jay
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