19. Februar 2026

Das Tal von Tommie Goerz

Tommie Goerz: Im Tal, Hardcover, Ars Vivendi Verlag, 2023

Die berührende Geschichte eines Mannes, der seiner kaltherzigen Kindheit nie ganz entkommt und in die Mühlen der Geschichte gerät
Im Sommer 1897 erblickt Anton Rosser auf einem abgelegenen Hof in der Fränkischen Schweiz das Licht der Welt – ein dunkles Licht mit schwarzen Schatten, die ihn sein Leben lang begleiten. Er lebt dort abgeschieden und allein, bis ihn im Winter 1968 ein Wanderer auffindet, vornübergesunken an seinem Küchentisch, erfroren. Der Arzt bescheinigt einen natürlichen Tod, doch bleiben Fragen.

Im Tal erzählt die Geschichte eines Mannes, der zeit seines Lebens um sein Leben kämpft, doch nicht gewinnen kann.

Titel: Im Tal Autor: Tommie Goerz Verlag: Ars Vivendi Seitenzahl: 230 Genre: Roman Erschienen: 27.02.2023 Ausgaben: Hardcover, Taschenbuch, E-Book, Hörbuch ISBN: 978-3747205082 Sonstiges:

Über den Autor Tommie Goerz

Tommie Goerz ist das Pseudonym für den Autor Marius Kliesch, der 1954 im fränkischen Erlangen geboren wurde. Er studierte unter anderem Jura, Soziologie, Philosophie und politische Wissenschaften. In Soziologie promovierte er schließlich 1989. Für seine Tätigkeit als Kreativer und Texter erhielt er sogar Preise, unter anderem einen Goldenen Löwen beim Cannes Lions International Festival of Creativity. Ab 2009 war es als Lehrbeauftragter, Dozent und Unternehmensberater tätig. 2010 schrieb er seinen ersten Krimi Schafkopf, seit 2017 ist er auschließlich als Autor tätig und gewann auch für seine Bücher Preise.

Von Amrei-Marie - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=158424495

Tommie Goerz ist ein fränkisches Urgestein und er lebt dort, wo auch die meisten seiner Bücher spielen – im schönen Franken. (Quelle: Wikipedia)

Ein Tal, das nicht loslässt

Im Tal von Tommie Goerz ist bereits der zweite Roman in diesem Jahr, der in meiner fränkischen Heimat verortet ist. Und auch diesmal habe ich es nicht bereut, mich auf diese Geschichte einzulassen. Obwohl die Handlung erfunden ist und die Figuren frei gestaltet sind, wirkt der Roman erschreckend echt – in seiner Atmosphäre, in seinem Schmerz und in seiner stillen Wucht. Im Tal zieht einen hinein, hält fest und lässt bis zur letzten Seite nicht mehr richtig los.

Idyll mit Schatten und ein Vater wie ein Gesetz

Im Mittelpunkt steht Toni Rossner, dessen Lebensgeschichte Goerz über viele Jahre hinweg erzählt. Toni lebt mit seinem Vater in einem alten Bauergehöft auf einer großen Lichtung oberhalb eines fränkischen Dorfes, nicht weit von Pretzfeld. Der Ort könnte friedlicher kaum sein: Wiese, Wald, ein Bach, der sich durch das Gelände zieht – eine Landschaft, die nach Ruhe aussieht.

Doch genau diese Idylle täuscht. Denn unter der Oberfläche liegt etwas Dunkles, etwas, das sich wie ein Riss durch Tonis Kindheit und später auch durch sein ganzes Leben zieht.

Der Roman setzt in Tonis Kindheit ein – und damit in einer Zeit, in der er seinem jähzornigen, oft betrunkenen Vater schutzlos ausgeliefert ist. Schon der kleine Toni lernt, dass Fehler nicht erlaubt sind. Der Vater ist unerbittlich, hart und brutal. Schläge gehören zum Alltag, oft wegen Kleinigkeiten: zu wenig Feuerholz, eine nicht richtig verriegelte Stalltür, ein falscher Handgriff. Tonis Mutter ist bereits tot, und der Vater hält den Jungen für schwach. Diese Vaterfigur wirkt im Roman wie eine übermächtige Präsenz, die sich tief in Tonis Persönlichkeit einschreibt. Und das Tragische daran ist: Toni schafft es kaum, sich je wirklich aus diesem Schatten zu lösen.

Die stille Tragik eines Lebens

Toni ist eine Figur, die man nicht so schnell vergisst. Er sucht nach Glück, nach innerem Frieden, nach einem Leben, das sich leicht anfühlen könnte – und doch steht ihm immer etwas im Weg. Er liebt, aber er findet keinen Ausdruck dafür. Er sehnt sich nach Nähe, doch seine Komplexe und Minderwertigkeitsgefühle machen ihn stumm. Besonders schmerzhaft ist dabei, wie sehr Toni an seiner eigenen Unfähigkeit verzweifelt, die richtigen Worte zu finden. Er hofft, dass andere auf ihn zugehen – doch seine Zurückhaltung wird falsch gelesen. Im Dorf gilt er bald als kauzig, unnahbar, seltsam. Und weil jeder weiß, was für ein Mensch sein Vater war, übertragen viele dessen Bild allzu bereitwillig auf Toni.

So wird Toni, Schritt für Schritt, in eine Rolle gedrängt, die er nie wollte. Gerüchte, Blicke, das leise, dauerhafte Urteil der anderen – all das macht ihn immer mehr zum Außenseiter. Und irgendwann wird er tatsächlich zu dem, wofür man ihn gehalten hat: griesgrämig, wortkarg, verbittert. Nicht, weil es in ihm angelegt wäre, sondern weil er kaum eine Chance bekommt, anders zu sein. Dabei ist Toni im Kern kein harter Mensch. Im Gegenteil: Er ist handwerklich begabt, zäh, pflichtbewusst – und er besitzt einen beinahe stoischen Willen zu überleben. Er kämpft als Soldat in zwei Weltkriegen, kommt nach Frankreich und Italien, sieht mehr von der Welt, als man es von einem Mann aus einem fränkischen Tal erwarten würde. Und doch bleibt in allem, was er tut, diese Hoffnung: dass irgendwann ein gutes Leben beginnen könnte. Dass es noch einmal anders wird. Dass er irgendwo ankommen darf.

Ein Roman von stiller Wucht

Im Tal ist eine traurige Geschichte – aber keine, die sich in Sentimentalität verliert. Tommie Goerz erzählt mit großer Genauigkeit und einer Sprache, die ruhig bleibt und gerade dadurch trifft. Toni Rossner ist so vielschichtig gezeichnet, dass man sich seinem Schicksal kaum entziehen kann. Er wirkt zugleich stark und zutiefst verwundbar, geprägt und doch für lange Zeit nicht gebrochen. Man liest weiter, weil man verstehen will. Weil man hofft. Und weil man Toni das Glück wünscht, nach dem er so lange sucht – auch wenn der Roman von Anfang an spüren lässt, wie schwer es ist, diesem Tal und seiner Vergangenheit zu entkommen.

Mein Fazit zu Im Tal

5 von 5 Sterne
„Ein Buch, spannend und ergreifend von der ersten bis zur letzten Seite.“

Für mich war Im Tal bisher einer der besten Romane im neuen Jahr. Das Buch hat mich bewegt und fasziniert. Schön war es natürlich auch, Orte im Buch zu lesen, die man als gebürtiger Franke kennt. Tommie Goerz‘ Sprache ist präzise und einnehmend, klar und ohne allzuviele Schnörkel. Er beschreibt das (fiktive) Leben des Protagonisten so im Detail, dass es einem schon fast schwer fällt zu glauben, Toni Rosser hat nicht wirklich existiert. Gleichwohl ist es eine Erzählung, die ehrlich und glaubhaft ist, beschreibt sie doch Stärken und Schwächen von Menschen, die man nachvollziehen kann. Ebenso erhält man als Leser einen Einblick in die Zeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als es den Kaiser noch gab und später einen Führer. Für mich ist Im Tal ein großes, lesenswertes Buch, das ich gerne empfehle und auch verschenke, weil es einfach wert ist gelesen zu werden.

Jay


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