Worldcon 75 (vierter Tag) – Signierschlangen sind auch eine Spezies

Hallo zusammen.
Ich muss zugeben, so langsam geht der Worldcon an die Substanz. Nicht nur, dass man von einer Veranstaltung zur anderen hetzt, und sie vielleicht wegen Mangel an Sitzplätzen nicht besuchen kann, auch das ständige Warten in den Signierschlangen macht einen manchmal echt fertig. Aber der Reihe nach.
Mein Tag begann, nach einem reichhaltigen Frühstück im Hotel und einer reibungslosen Fahrt zum Convention Center, zunächst mal recht entspannt. Warum ist die Ausbildung an finnischen Schulen so gut, wie überall behauptet wird? Als Lehrer kann man sich dieser Podiumsdiskussion ja fast nicht verweigern. Die Quintessenz war, dass die Ausbildung an deutschen Schulen der Ausbildung an finnischen Schulen nicht nachsteht. Sie ist in vielen Bereichen ähnlich gut. Problematisch scheint eher zu sein, und das ist und Deutschen ja inzwischen oft genug gesagt worden, dass die soziale Herkunft der Schüler bei uns recht großen Einfluss darauf hat, wie weit man in seiner schulischen Karriere kommt. Offenbar nicht so in Finnland. Nun, ich könnte mich jetzt den ganzen Artikel darüber auslassen, wo ich bei uns in der deutschen Politik die wirklichen Gründe für dieses Problem sehe, aber dann wäre dieser Beitrag wohl am Ziel dieses Blogs vorbei. Quasi eine Themaverfehlung erster Güte. Also lass ich es und hoffe, dass nach den Wahlen im September weniger Idioten in den deutschen Parlamenten an unserem Schulsystem herumpfuschen. Die Probleme sind von der Politik nämlich hausgemacht.

Die zweite Podiumsdiskussion um 11.00 Uhr war da schon etwas mehr bücherbezogen. Es ging um das Thema „How to get started with your very first novel“, also etwas für angehende Autoren, die ihre Idee literarisch verwirklicht sehen wollen. Nun, ich trage mich schon lange mit dem Gedanken einmal ein eigenes Buch zu schreiben und damit reich und berühmt zu werden, so wie George R. R. Martin. Man schätzt, dass er jährlich zwischen 12 und 15 Millionen US-Dollar einsteckt, obwohl er es absolut nicht schafft seine bekannteste Reihe endlich fortzusetzen. Seit 2011 warten die Fans nun auf The Winds of Winter, Band 6 der Reihe Das Lied von Eis und Feuer (landläufig bekannt als A Game of Thrones). Naja, jedenfalls gab es bei der Veranstaltung eine ganze Reihe recht guter Tipps von den Autoren auf dem Podium, zum Beispiel, dass man Schreibblockaden überwinden kann, indem man versucht täglich mindestens drei Sätze zu Papier zu bringen. Dass jeder seinen eigenen Weg finden muss, um den Kopf für Neues frei zu bekommen, bevor man schreibt. Dass man Bücher auch nebenher schreiben kann, während man seiner regulären Arbeit nachgeht. Insgesamt war es eine recht interessante Veranstaltung, aus der ich so einiges mitgenommen habe. Nicht zuletzt die Motivation es vielleicht doch demnächst mal zu versuchen. :)

Sebastien de Castell auf dem Woldcon 75 in Helsinki

Somit war der Vormittag auch schon vorbei. Zwar hatte ich für den Nachmittag auch Vorträge eingeplant, doch die Signierschlangen raubten mir den Großteil meiner Zeit.
Um 12.00 Uhr ging ich zu Sebastien de Castell. Ich wollte sein Autogramm in meinem Autogrammbuch verewigt haben. Seine Bücher fand ich von der Idee her gut, jedoch bisweilen etwas langatmig umgesetzt. Die ersten beiden habe ich gelesen. Der dritte ist bereits erschienen und der vierte kommt wohl demnächst in die Regale.

Um 13.00 Uhr war dann Joe Abercrombie an der Reihe. Zwar war ich schon am Vortag zu seiner Signierstunde in der Akateeminen Kirjakauppa (schwedisch: Akademiska Bokhandeln), allerdings ist ihm da kein Buchzitat eingefallen, dass er dazu schreiben konnte. So bin ich also heute nochmal hin, und da ich recht früh dran war, war die Schlange vor mir auch relativ kurz. Als ich da so stand und wartete, sprach mich eine große blonde Finnin auf Englisch an. Sie sagte, sie könne sich an mich erinnern, denn wir standen 2014 zusammen in einer Signierschlange auf dem LonCon 3 in London. Wahnsinn, die hat sich echt noch an mich erinnert, obwohl wir damals nicht mal zusammen einen Kaffee trinken waren. Manche Leute haben ein Gedächtnis, unglaublich. Als wir uns so unterhielten, konnte auch ich mich entsinnen.

Die Fans drängen sich um den einen Joe. Der Rest der Autoren sinniert über den Sinn des Lebens.

Joe Abercrombie erkennt mich inzwischen so quasi überall. Wir wechselten ein paar Worte, er fügte sein Zitat in mein Buch ein und wir verabschiedeten uns bis zur nächsten Lesung. Ich habe euch mal noch ein Bild von der Signierstunde gemacht. Zeitgleich signierten sechs Autoren. Preisfrage: An welchem der Tische sitzt Joe Abercrombie? :-D
Ob das für die anderen Autoren an den weiß gedeckten Tischen deprimierend war, hab ich sie nicht gefragt, obwohl die offenbar jede Menge Zeit für ein Pläuschchen gehabt hätten.

Bisher verlief ja alles in zeitlich akzeptablen Bahnen. Es war 13.20 Uhr und die nächste Signierstunde startete erst um 16.00 Uhr. Das Problem war, dass man sich am besten schon Stunden vorher anstellt, wenn man von George R. R. Martin ein Buch signiert haben möchte. In London vor drei Jahren haben sie die Schlange schon eine Stunde vor Beginn dicht gemacht, weil die Deppen Panik geschoben haben, sie könnte zu lang werden und dem armen George könnte eventuell die Hand abfallen, beim Schreiben seines Namens. Da stand ich also nun um 13.30 Uhr und wartete ganz entspannt darauf, dass die Uhr vier schlägt. Zum Glück hatte ich mein Buch mit finnischen Horrorgeschichten im Rucksack. In den zweieinhalb Stunden hab ich da einigen Seiten geschafft. Es war fast schade, dass ich aufhören musste, als es kurz vor 16.00 Uhr endlich losging. Drei Meter weiter erzählte so ein amerikanischer Typ, für alle nicht zu überhören und das schon seit Stunden, etwas über Religionen und Glaubensfragen und konnte einfach nicht die Klappe halten. Noch eine Stunde länger und ich hätte ihm wohl mit seinem eigenen Spazierstock den Schädel eingeschlagen. Soviel zu Thema „entspannt abwarten“.

George R. R. Martin beim Signieren auf dem Worldcon 75 in Helsinki 2017

Schließlich war ich dann an der Reihe, hab mich gleich nochmal hinten angestellt, bevor die Schlange „dicht“ gemacht wurde und bin dann nach einer weiteren knappen Stunde nochmal dran gekommen. Wenn ich schon Zeit für den Mann mit Bart vertue, dann auch so, dass es sich lohnt. Man darf ja immer nur ein Buch signieren lassen, damit jeder die Chance hat, Georges Gekrakel in seinem Buch stehen zu haben.
Links nochmal ein Foto davon, weil’s gar so schön ist. Inzwischen war es nach 17.00 Uhr und vom Schlangestehen hatte ich für den Tag genug. Ich beschloss mir noch ein Podiumsgespräch zum Thema Grimdark-Fantasy anzusehen, also Fantasybücher, in denen es ziemlich hart und blutig zur Sache geht, und damit den Tag ausklingen zu lassen. Ein typischer Vertreter dieser Art von Fantasy, die sich immer stärkerer Beliebtheit erfreut, ist Joe Abercrombie, aber der war leider nicht mit auf dem Podium. Dafür jedoch Scott Lynch, dessen Bücher ich vor drei Jahren in London gekauft habe und dem man auch sehr gerne in Diskussionsrunden zuhört. Lange Rede, kurzer Sinn.

Die Veranstaltung war gut und ich konnte den Tag mit einem Foto von mir und Scott Lynch beschließen, bevor ich zurück ins Hotel fuhr. Morgen gibt mir der letzte Con-Tag dann noch den Rest. :rambo:

Jay

 

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