Stephen King: Todesmarsch (engl.: The Long Walk)

Any game looks straight if everyone is being cheated at once.
(Stephen King: The Long Walk)

The Long Walk ist eines der Bücher, die ich vor einiger Zeit gelesen habe und die mich immer wieder gedanklich beschäftigen, weil in ihnen einfach sehr viel steckt, was zum Nachdenken anregt.

Stephen King: The Long Walk Englische Taschenbuchausgabe

Stephen King: The Long Walk
Englische Taschenbuchausgabe

Inhalt

Jedes Jahr, am 1. Mai, kommen 100 Jungen zu einem Wettstreit zusammen, der landläufig als The Long Walk bezeichnet wird, ein rastloser Marsch durch mehrere Bundesstaaten. Das Großereignis ist ein landesweites Medienspektakel und wer sich erfolgreich dafür bewirbt, kann nicht mehr zurück.
Unter den Auserwählten dieses Jahres befindet sich der 16-jährige Ray Garraty und er kennt die Spielregeln: Wer die Marschgeschwindigkeit unterschreitet, stolpert oder sich setzt, wird verwarnt. Nach drei Verwarnungen scheidet man aus dem Spiel – für immer. Das soll den Mitstreitern ein Ansporn sein, denn dem Gewinner winken Ruhm und die Erfüllung aller Wünsche bis an sein Lebensende. Doch es kann nur einen einzigen Gewinner geben: derjenige nämlich, der den Marsch überlebt.

 

Über das Buch

The Long Walk erschien in den USA im Jahr 1979 und wurde in Deutschland unter dem Titel Todesmarsch erstmals im Jahr 1987 veröffentlicht. Erschienen ist das Buch seinerzeit bei Heyne.
Das Buch wurde von Stephen King ursprüngliich unter dem Pseudonym Richard Bachmann geschrieben. King wollte herausfinden, ob sich seine Bücher auch dann verkaufen würden, wenn sein richtiger Name nicht auf dem Cover erscheint. Durch eine Unachtsamkeit des Verlags kam man jedoch dahinter und 1985 explodierten auch die Verkaufszahlen der Bachman Romane.
The Long Walk wurde, wie viele andere King-Bücher, mehrfach aufgelegt. Die Taschenbuchausgabe hat zwischen 350 und 400 Seiten (abhängig von der jeweiligen Ausgabe). Es ist in drei Teile und insgesamt 17 Kapitel unterteilt. Jedes Kapitel ist überschrieben mit einem Zitat.

Meine Meinung

Manche Rezensenten halten Todesmarsch deswegen für unterdurchschnittliches, weil sich relativ leicht erahnen lässt, wer den Marsch gewinnen wird, falls einer gewinnt. Zumindest hält sich die Auswahl der möglichen Gewinner in engen Grenzen. Die Spannung jedoch allein an der Frage fest zu machen, wer letztendlich als Sieger hervorgeht, würde weder dem Roman, noch dem Autor gerecht werden.

Todesmarsch Dt. Taschenbuchausgabe

Todesmarsch
Dt. Taschenbuchausgabe

Die Rahmenhandlung ist denkbar einfach, der Ort der Handlung überschaubar. 100 Jungen marschieren um ihr Leben und versuchen die Mitstreiter zu überleben. Was den Reiz des Buches ausmacht ist allerdings weniger die Frage nach dem Gewinner, sondern vielmehr der Marsch und die handelnden Personen selbst und was King dem Leser dabei vielleicht mit „auf den Weg“ geben will. Oder will er das gar nicht? Interessant fand ich, wie King Stück für Stück die Beweggründe der Marschteilnehmer offenlegt,  die durchaus unterschiedlich sind. Während viele der große Preis reizt, marschieren andere zur Selbstbestätigung oder um eine große Liebe oder die die Familie zu beeindrucken.
Vielleicht kann man den Marsch deshalb als Metapher sehen, als Beispiel für das Leben im übertragenen Sinn. Denn obwohl man im Leben oft große Ziele hat und tollen „Preisen“ hinterher rennt, schützt uns das trotzdem nicht vor Schicksalsschlägen und dem sicheren Ende. In Todesmarsch reicht dafür schon ein Krampf im Oberschenkel. :cry:
Vielleicht stellt King aber auch die menschliche Psyche an erster Stelle. Viele Emotionen bestimmen die Handlung des Buches. Freude und Zuversicht ebenso, wie Leid, Verzweiflung, Schmerz und Resignation. Freundschaften werden geschlossen, obwohl den Teilnehmern absolut klar ist, das nur einer von ihnen die Ziellinie überschreiten wird und eine Freundschaft über den Marsch hinaus nicht geppflegt werden kann. Obwohl die Jungen eigentlich Rivalen um den Sieg sind, (unter)stützen sie sich dennoch gegenseitig. Wer anderen bewusst schadet, wird gemieden, ja regelrecht von der Gruppe verstoßen. Doch ist das alles? Beschränkt sich King lediglich auf die Vermittlung von Werten und Tugenden und Einblicke in die Gruppendynamik? Sicherlich spielt das auch eine Rolle, doch die wichtigste Erkenntnis, die ich bei der Lektüre hatte, ist die: Diese Geschichte ist sinnlos. Die ganze inszenierte Show und das Sterben der Teilnehmer führt dem Leser schlicht die Sinnlosigkeit ihres Todes vor Augen. Ich sehe die Kritik an einem totalitären System, das Menschen opfert, um die Massen zu begeistern. Massen, die nicht mehr erkennen und beurteilen können, was moralisch verwerflich ist, die sich am Spiel mit dem Tod ergötzen und dabei die Teilnehmer nicht mehr als Menschen wahrnehmen, sondern als Objekte, die ihre Sensationslust befriedigen sollen. Ähnliches empfinden die Teilnehmer übrigens in Gegenwart der jubelnden Menge:

Those people, they’re animals. They want to see someone’s brains on the road, that’s why they turn out.

They’re animals, all right. But why are you so goddam sure that makes us human beings?(Kapitel 7)

Das Thema der Spielshows ist dabei nicht neu und wurde bereits mehrfach literarisch umgesetzt (The Running Man, Battle Royale, Die Tribute von Panem,…), doch während bei den „Hunger Games“, die Spiele von den Menschen größtenteils verachtet werden, sind sie in Kings Roman so populär, wie bei uns die Fußball WM. Selbst die (freiwilligen) Teilnehmer beginnen während des Marsches die Sinnhaftigkeit ihres Tuns zu hinterfragen und verachten schließlich gar den Major, ursprünglich ihr großes Idol, der das totalitäre System repräsentiert.

„Piss on the Major,“ Garraty said.

Das Buch wird interessant durch die Verhältnisse der Personen untereinander und die Entwicklung, die viele von ihnen während des mehrtägigen Marsches durchmachen. Es ist auf seine Weise ein faszinierendes Buch, da es einen Großteil seiner Spannung unmittelbar aus der aktuellen Situation gewinnt und nicht aus den Vermutungen des Lesers, da sich die Umstände innerhalb weniger Zeilen komplett ändern können. Wie gesagt, ein Krampf im Oberschenkel… Die Handlung ist durchaus tiefgründig, der Rahmen (Marsch bis zum bitteren Ende) demgegenüber überraschend einfach.

5 von 5 Sternen "Spannend, mit hoher atmosphärischer Dichte."

5 von 5 Sternen
„Spannend, mit hoher atmosphärischer Dichte.“

Fazit

The Long Walk gehört zu den Büchern, die ich immer wieder lesen kann und in denen ich immer wieder Neues entdecke, was mich zum Nachdenken anregt. Es gehört für mich definitiv zu Kings großen Romanen, die ich sowohl auf Englisch, als auch auf Deutsch gelesen habe.

 

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